Im Kokon

Kurz vor Mitternacht wurde im Hotel Jaguar - die Türen knallten - geschossen. Der No sprang aus seinem Nichtschlaf, in dem er seit seinem Einchecken lag, auf und duschte. Der Hotelbesitzer Soon-Won Kang, ein ausgewachsener Südkoreaner mit harten Haaren, hatte dem No nach seiner Ankunft das Zimmer 114 zugewiesen und ihn, als er nur den halben Preis zahlen konnte, als Pisser beschimpft. Der No urinierte bei diesem Gedanken in die Duschwanne, er dachte: „Das ist ja eine ganz eklige Kausalkette“ und hielt seinen Strahl, gelblich schmerzvoll, daraufhin zurück. Die schmutzigen Hände wusch der No mit der Kernseife Tricky Ricky und bestellte ein Taxi.

Wohin?
-Zur Musik.
Welche?
-Elektronisch.

Der Taxijunge sagte, nachdem er sich zum dritten Mal verfahren hatte, er tanze gerne zu jugoslawischer Musik. Aha. Und das sei sein zweiter Arbeitstag. Der No nickte und gab ihm 5 Euro Trinkgeld als sie ankamen.
Vor dem Club wurde der No angefahren, zwei Jungs, breitschultrig, kurbelten das Fenster herunter und fragten mit Atem und Akzent, herbstark, ob es hier der Kokosnuss Club sei. Der No sagte ja und humpelte hinein: DER KOKOSNUSS CLUB HEISST ALLE WELTDÖRFLER WILLKOMMEN. „Aber hier wird ja gar nicht getanzt“, bemerkte der No, da fing Musik an. Musik konservativ, Menschen maschinell. Du Maschine, sagte der No slang:

Wasgehtab.
-Der Vaddi kommt gleich.
Wer?
-Der Vaddi Sven.

Also ging der No noch ein Stück in dem Club spazieren. Der No lief die Runden ab. Der kreisförmige Weg erinnerte ihn an die Parkanlagen eines jeden herkömmlichen Krankenhauses. Von der Decke tropfte – als der No seine Handfläche aufbereitete, dann seine Zunge ausstreckte, (alles blieb trocken) wurde er fremdartig beäugt – Lichtregen. Ein Slogan ging durch den Club. Der Mensch fragte: When does Sven come? Die Maschine fragte: When does Sven come. Der DJ (dabei dachte der No: er verweist immer auf seinen Untergang) schrie: FIVE MINUTES TO GO. FIVE MINUTES TO SVEN. Das Volk schrie dröge: YEAH! YEAH! Da strömten die letzen Musikreste aus den Boxen, die Häupte richten sich gegen den DJ. Zu den letzten Takten seiner sich selbst auferlegten Musik bewegte er seinen Körper. Es sagte eine Stimme neben dem No asiatisch: Dieser DJ als Exempel ist ein Finger-, wenn überhaupt ein Hand-, im besten, selten auftretenden Fall ein Armmensch. Wenn er sich, seinen für die starre Fotographie trainierten Oberkörper, bewegt, wenn er tanzt, offenbart er, dass er keine Vorstellung davon hat, wie Tanzende sich zu seiner Musik bewegen sollen. Er ist ein trauriger Dramatiker unserer Zeit. Musik hörte auf.
Das Rauschen der Bäume, sagte die Asiatin weiter, das Pfeifen der Vögel, sagte die Asiatin, das Balzen der Tiere, sagte die Asiatin zu dem No, es fehlt mir hier.
Wie auf Knopfdruck schoss ein Nebelstrahl dem No durch die Haare. Der Vaddi, Hausherr, Sven erschien auf dem Kanzel. Das Licht strahlte seine souverän gealterten Adern um die Schläfen an. Das Volk johlte. Er hob triumphierend die Arme, der No dachte: Seine reaktionäre Partei hat gerade wie durch Wahlvorhersagen angekündigt die extremistischen Gruppierungen im Land besiegt. Zum Sieg sagte er:

Ich bin gegen drugs.
-(Stille)
Ich bin gegen Kontrollverluste.
-(Gemurmel)
Ich bin gegen minimalistische Musik, minimalistisches Essen, minimalistische Liebe.
-(tröpfelnder Applaus)
Vor allem, und dieses ist der Kern meines Programms, wofür ich schon immer am Plattenteller stand, es bereits kehlig als Bub herausgeschrien habe, jetzt als Vaddi immer noch euch verkünde:
(kurze Pause)
Ich bin gegen das Rauchverbot!
-(ohrenbetäubender Jubel)

Der Vaddi drückte einen Knopf. Rauch strömte aus allen Poren des Kokosnuss Club. Alle inhalierten, alle husteten. Musik fing wieder an. Es wurde getanzt. Musik wurde klebrig. Der No sah durch den Rauch, er sah das Gogogirl. Musik haftete an dem Körper des Gogogirls wie Fliegen, so wild fuchtelte es herum, immer knapp vor der Raserei besinnt es sich, seine Bewegungen: getrieben, windig. Als es seine Augen in die Pupille des Nos drückte, erkannte der No darin die Asiatin. Sie würde, so außerirdisch sie wirkt und das dachte der No und erstarrte, jeden, der schlecht tanzt, umbringen. Tatsächlich: Nach einem achtminütigem Track lagen alle tot auf dem Boden, der Vaddi drückte wieder den Knopf, eine Rauchwolke strömte aus, er verschwand darin. Der No verließ den Club und stieg ins Taxi. Im Hotel wusch er seine Kleidung, blutverschmiert, mit Tricky Ricky und legte sie zum Trocknen auf die Heizung, die er bei geöffnetem Fenster bis zum Anschlag aufdrehte.

5.10.07 15:55

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