Zitronenstueck

DER STROHHUTTRAEGER SAGT
Meine Faehigkeit war die, dass eine jede meiner Inszenierungen so in sich geschlossen, auch in der groessten Artifizialitaet natuerlich wirkte, als blickte man als Zuschauer direkt in meinen Kopf hinein. Und dabei bedeutete dies nicht, dass ich etwa meinen Schauspielern ein bereits fertig ausgearbeitetes Konzept vorlegte, das diese dann mit groesster Anstrengung und Disziplin in Szene zu setzen haetten, was ja immer mit einer gewissen Blutarmut im Endprodukt einhergeht. Nein, es verhielt sich sogar so, dass ich meinen Akteuren, allesamt natuerlich sorgfaeltig ausgewaehlt, lediglich eine Art Geruest mitbrachte, nicht einmal mehr als eine Anregung vielleicht, und mit untrueglichem Instinkt vermochte ich dann abzuschaetzen, welcher mir praesentierte, ich sage gerne: Stein das Haus tragen koenne und also an der passenden Stelle einzusetzen sei. Nicht selten lag schliesslich am Ende, haette man die Steine wieder abgetragen und nachgeschaut, dem fertigen Haus ein Geruest zugrunde, das mit dem urspruenglichen kaum etwas mehr gemein hatte. Und man konnte sich sicher sein, dass es im Kopf des Architekten nicht anders war.

DER SCHAMHAFTE SAGT
Einmal an eine Situation zurueckdenken koennen, fuer die ich mich nicht in irgendeiner Weise - im Grunde ist es doch immer nur die allerselbe, die des Involviertseins - schaeme.

DER KUENSTLER SAGT
Die Arbeit eines Kuenstlers (und damit ist keinesfalls nur der Regisseur gemeint, dieser, der ja noch mit realen "Arbeitern" zusammenarbeiten darf, die naturgemaess ein Mindestmass an Verstaendnis besitzen, womoeglich sogar am wenigsten) ist immer die des Architekten, der seinen voellig unwissenden, beinahe Sprach-losen Ingenieuren und Arbeitern peinlich genau erklaeren, vielmehr noch durch Laute, Gesten und Skizzen veranschaulichen muss, wo welcher Stein hingehoert. Die besondere Schwierigkeit hierbei ist, dass die - wie man ja meinen koennte: vorherige - Idee des Gebaeudes und das muehsame Erklaeren oft, handelt es sich um "gute" Kunst, sogar ausschliesslich, ein einziger, untrennbarer Vorgang sind.

DER DEUTSCHE SAGT
Jolie, Pitt, Cruise, Holmes wollen nach Berlin ziehen. Cruise hat gesagt: "Hier ist es schoen, eine Stadt von Welt." Und selbst hier, wo sie doch wirklich alle hinziehen wollen, eine dicke teure Wohnung kaufen, setzt mein Minderwertigkeitskomplex ein, der fluestert: "Das sagen sie nur so, aus Hoeflichkeit und Marketinginstinkt, das sagen sie auch ueberall sonst - aber vor allem hier, in Deutschland - auf der Welt und meinen es nie."

MALIKA SAGT
Ich glaube, dass das, was die anderen an mir so lieben, meine mir eigene Faehigkeit oder eigentlich lediglich: Eigenschaft, ist, je nach Zeitpunkt entweder wunderschoen oder unsagbar haesslich, allerdings auf eine bemitleidenswerte und nicht abstossende Weise, auszusehen. So wird keiner meiner Bekannten von einem dieser beiden Anblicke erdrueckt, stattdessen kann man sich jeweils, in der jeweils entsprechenden Weise, freuen, an meiner Schoenheit oder eben der geringeren eigenen Haesslichkeit. Auch muss ich mit meiner Eigenart besonders zart wirken, in einer sozusagen genialischen Weise: der Wechsel zwischen den Extremen gehoert - zumindest in der landlaeufigen, kitschigen Vorstellung, auf die es hier ja ankommt - zu jedem genialischen Menschen und jeder, der auch nur irgendein Herz hat und nicht selber ein Genie ist, muss sich hingezogen fuehlen, dem genialischen Menschen in seinem Schwanken Halt zu geben, gewissermassen das ausschlagende Pendel ein Stueck nach oben zu verschieben, aufdass das obere Ende seiner Amplitude nunmehr im Bereich des wahrhaft Grossartigen liegen moege und das untere noch im Normalen - oder zumindest, waehrend eines Hochs, einen Stopper in die Mitte einzuschlagen. Dass nichts davon im Falle der Schoen- oder Haesslichkeit eines Menschen eigentlich moeglich ist, tut nichts zur Sache.

THOMAS GOTTSCHALK SAGT
Der einzig interessante Moment in meiner Sendung ist, wenn ich die Antisichtbrillen teste; man hofft jedes Mal wieder, ich wuerde nicht kurz vor dem Gesicht des Kandidaten abstoppen. Aber ich bin ein Entertainer, kein Kuenstler.

EIN BEWOHNER EINER KLEINEN, NIEDRIGEN STADT SAGT
Heute morgen kam mir der Gedanke, dass diese in ihrer Gewoehnlichkeit, ihrer Blaesse, ihrer Leidenschaftslosigkeit zutiefst haessliche kleine Stadt fuer mich schreiend Unfertigen, sich fuer seinen derzeitigen Zustand diffus, aber heftig Schaemenden doch im Moment die richtige sein koennte, damit ich mir nicht die glanzvollen Orte dieser Welt durch Dortsein in eigener Derangiertheit, durch Hassprojektion zwecks Selbsterhalt fuer spaeter verleide.

DER SCHAMHAFTE SAGT
Man wollte gemeinsam einem banalen menschlichen Vergnuegen nachgehen und deshalb hatte man mich nicht eingeladen.

DER KUNSTMALER OSKAR KOKOSCHKA SAGT
Ich trage den besten aller Namen.

JOHANNES B. KERNER SAGT
Vor lauter Interesse werde ich demnaechst meine beiden Haende marinieren und grillen lassen und danach nie wieder meine Ablesekaertchen benutzen koennen.

MALIKA SAGT
Wenn ich so aussehen wuerde, wie ich denke, haette ich keine Probleme.

DER EHER UNBEKANNTE SCHRIFTSTELLER SAGT
Mir fehlt zum klassischen boesen, extremistischen Tod-und-Teufel-Schriftsteller der blutige, masochistische Ingrimm, sich jeden Tag erneut in das Leid, den Ekel, die Depression, den Hass hineinzufressen, dahinein ganz zu ziehen am besten; fuer mich ist solches Schreiben (noch) eine Klage im (momentanen) Unglueck, die nicht nur angehoert, sondern tatsaechlich erhoert werden will - oder zumindest dem Schreiber eine, mehrere Erleichterung verschaffen, ihm tatsaechlich verarbeiten helfen, aufdass er bald gereinigt wieder in das Reich der Gluecklichen und Normalen zurueckkehren koenne.

FALKO GOETZ SAGT
Es ist wichtig, gar nichts zu sagen.

DER KLEINE MANUEL SAGT
Man hatte mich gefragt, ob ich frech sei, ich hatte alle Scheiben zerschlagen und mich wieder hingesetzt. Ich sagte, ich sei nicht frech.

DAS EINZELKIND SAGT
Kann es sein, dass ich voellig in Posen erstarrt bin? Dass die ganze Problematik nicht zuletzt auf einer eher simplen psychophysischen Mechanik beruht: dass ich mich eines Repertoires an Gesten, Mienen, Sprache bediene, das den anderen abgeguckt ist vor allem und kaum anderem als Wirkung und sozialem Ueberleben dient und ich unter dem Einfluss dieser speziellen Macht des Faktischen nicht mehr weiss, was ich denke und was ich fuehle und wer ich bin?

JOCHEN DISTELMEYER SAGT
Meine Jungs und ich, aber vor allem ich, haben gute Texte gemacht, gute, ein bisschen langweilige Videos und sehr langweilige Musik. Darum haben wir, habe ich beschlossen, uns zu trennen und von nun an nur noch ich zu sein.

MALIKAS SOHN SAGT
Meine Schoenheit hat etwas Verklemmtes.

DER ALLEINSTEHENDE LEHRAMTSSTUDENT SAGT
Die Lehramtsstudentinnen hier: alle sind sie gesichtslos, alle fruehvergreist oder alte Kinder, alle unwissend und dabei bestens ausgeruestet fuer ihr langes Pragmatikerleben. Obwohl: bei manchen hat man das Gefuehl, dass sie sich nur die aeusserlichen Insignien eines gesunden, "erfolgreichen", nicht aus der Bahn zu werfenden Pragmatikers zugelegt haben, aber doch nicht die erforderliche Properheit besitzen und also nie eine (richtige) Lehrerin sein werden und also ihre innere Jaemmerlichkeit sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine jedem und auch ihnen selbst sichtbare Lebensjaemmerlichkeit verwandeln wird.

DER FREUDLOSE SAGT
Leben ohne Spass
macht ab und zu die Augen nass

DER EINUNDZWANZIGJAEHRIGE SAGT
Es heisst, irgendwann, so mit einundzwanzig vielleicht, haette man nicht nur seine Handschrift, sondern auch seine Persoenlichkeit, den Kern, gefunden und herausgebildet und entwickelt, man habe dann herausgefunden, worauf es einem ankomme, was wichtig und vor allem wer man selbst sei; es ist falsch, man hat nur irgendwann keine Kraft mehr, darueber nachzudenken oder gar etwas beeinflussen zu wollen.

SEAL SAGT
Listen to the distance between us.

DER KOMIKER SAGT
Meine Witze sind immer ein wenig zu gut erzaehlt, als dass man ueber sie lachen koennte.

LUTZ SEILER SAGT
Es gibt, habe ich gelesen, eine Form der schlechten Lesung, die den Literaturbetrieb oft zum Jubeln bringt. Das ist, habe ich gelesen, wenn der Autor einen leiernden, aber gleichzeitig ganz an seinen Text hingegebenen Tonfall hinkriegt und der Vortrag die Anmutung eines Bekenntnisses annimmt: Dies ist mein Text, ich kann nicht anders! Ich, habe ich gelesen, lese so.

DER KOMIKER SAGT
Ich fand Scherze immer schon ein wenig peinlich.

DAS EINZELKIND SAGT
Wenn jemand etwas zu mir, ueber mich sagt, ist das fuer die darauffolgenden Stunden alles, was ich ueber mich zu denken habe, was ich, fuer mich, bin.

LUTZ SEILER SAGT
Ich habe dieses Jahr dann auch den Bachmannpreis bekommen.

DER LESER SAGT
Ich habe eine Abneigung gegen das Lesen. Ich straeube mich gegen die Mitarbeit am fremden Kunstwerk, die Lesen bedeutet - vergleichbar mit der Erniedrigung des aegyptischen Sklaven, der die Pyramide aufbauen muss und, als das prachtvolle Ergebnis erreicht ist, nichts vom Ruhm des Architekten abbekommt, sich vielmehr seiner eigenen Winzigkeit noch staerker bewusst wird. Dazu kommt, dass ich mich mein ganzes Leben lang schon vom Denken anderer Menschen bedraengt fuehle - und mich durch meine kopflastige Veranlagung auch intensiv damit beschaeftigen muss -  und dieses Erlebnis nicht auch noch "in der Freizeit" haben will. Die von mir, das Konsumieren betreffend, favorisierten Kunstformen praesentieren, servieren dem Publikum etwas, das dieses lediglich zu geniessen oder abzulehnen braucht oder auch schlicht ignorieren kann.

THOMAS GOTTSCHALK SAGT
Vorher war ich auch schon da. Aber ich weiss nicht, ob man mich gesehen hat.

DER KLEINE SAGT
Es gibt einen Typus von kleinen, meist lustigen, kommunikativ-femininen Maennern mit guter Rueckenmuskulatur, federndem Schritt, eckigen Bewegungen und riesenhaftem, muehsam niedergedruecktem Minderwertigkeitskomplex. Zu diesem Typus gehoere ich.

FRANZ KAFKA SAGT
Schlimm, wenn man, wo man auch hingeht, wo man auch ist, was man auch tut, wen man auch trifft, nur noch Parabeln, Gleichnisse, Allegorien, Metaphern, Symbole und Fabeln sieht.

DER VORGAENGER SAGT
Man sagte mir, mein Nachfolger und ich seien als Menschen nicht vergleichbar. Darum gehe es auch nicht, da brauchte ich mir keine Gedanken zu machen. Ich sei durchaus in Erinnerung geblieben und er sei, wie ich sicher wisse, fuer die ganze Einrichtung eine Freude. So oder so gebe es fuer keine der Seiten Anlass zur Besorgnis.

DIE INSCHRIFT DES GRABSTEINS DES EHER UNBEKANNTEN SCHRIFTSTELLERS SAGT
Seine Karriere als Schriftsteller, noch bevor sie angefangen hatte, endete, weil leider er sich nie an die Traeume am Morgen hatte erinnern koennen, die er in der Nacht spektakulaer und beklemmend noch gehabt hatte.

EIN ZITRONENSTUECK SAGT
Wie alle Dinge, so auch ich, das ich gerade gegenueber einer Zunge am anderen Ende eines in der Breite zusammengezogenen Strohhalms haenge, hysterisch darauf bedacht sind, dass nicht irgendwo ein Nichts entsteht - es scheint, als seien auch wir, als sei auch ich nur so etwas aehnliches wie ein Mensch.

16.8.07 16:52

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Paul (16.8.07 19:37)


Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen