Niemand darf sterben

Einen winzigen Schlauch in der Nase, die Augen abgeklebt, eine aerztliche Mitteilung unter dem Kopfkissen, seine restliche Reise werde nur noch eine innere und sein restliches Leben werde nur noch ein relatives sein, ueberdies bereits unweit der beigen Stadt, notierte No einige theoretische Ueberlegungen in Vorbereitung seines ersten und letzten Reiseromans TEIL EINER GROESSEREN AUFREGUNG. REISEROMAN. Fuer Anton. Gegen Bert.:

Die Sprechstundenhilfenerotik ist die groessere als die Krankenschwesternerotik, wahrscheinlich weil beide auf der Pein und Scham des Patienten beruhen, die im Krankenhaus vor allem im Akt des Eintritts, der Einweisung, -lieferung liegt und damit - ab da ist man sowieso Teil eines Mikrokosmos der relativen Wuerdelosigkeit, die in der Natur der Sache liegt und nicht mehr auffaellt - sozusagen schnell abgehandelt ist. In die Arztpraxis kommt man dagegen nur en passant, ein normaler BUERGER mit einem Stolz und einer Persoenlichkeit und einer Erscheinung, es ist, als betraete man, seine voellige Verdreckung verbergen wollend, ein normales Geschaeft und muesse vor der zweckmaessig-sauber gekleideten Verkaeuferin ueberraschend den "Oberkoerper freimachen", um vom beschaeftigt-nichtanwesenden Besitzer des Geschaefts nach einigem Warten und Gewaschenwerden durch die Verkaeuferin eventuell am Ende die gewuenschte Ware zu erhalten - gegen Abgabe seiner saemtlichen Lebensdaten und einer symbolischen Gebuehr. Ausserdem bringt einen ins Krankenhaus gefuehlter Weise das Schicksal, man ist ein aus dem normalen Leben gefallenes Tier, das aufgepaeppelt werden muss - der entweder verkniffene oder aber lautstark sich offenbarende und fordernde Arztaufsucher mit seinem speziellen koerperlichen Anliegen gleicht immer auch dem Puffgaenger.

Nebenan lag ein Krebskranker, der fernsah. No klappte sein Notizbuch zu und sah auf den Apparat. Er war ausgeschaltet. No bestand darauf, ihn anzuschalten. Der Krebskranke hatte keinen Willen mehr und kramte die Fernbedienung unter sich hervor. Auf VOX kam ein Auswanderer. Er hatte seinen Tag damit verbracht, mit einem vietnamesischen Dorfpraesidenten ueber die touristische Erschliessung des Dorfes zu verhandeln. Er war erfolgreich gewesen. Der Auswanderer, auf dem Kreuzungspunkt einer Strassenkreuzung Hanois, umtost von Motorrollern, sagte, ein wenig drohend: "Ich bin ueberhaupt nicht einsam hier. Ich bin - gluecklich." No lachte laut, ein wenig haemisch und taktlos und unueberlegt, heraus. Da es ihm peinlich war, blickte er zum Nachbarbett, um Bestaetigung zu erhalten. Der Krebskranke sah unbewegt auf den Schirm, ein leichtes Laecheln um seine Lippen, vielleicht. No griff erneut das Notizbuch, notierte: Der Krebskranke im Sterbebett: "Weisst du, es ist so ein gewisser Druck von mir weg."

13.8.07 18:37

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