Die Klanginstallation

Es war vielleicht die Klingel, sonor und an diesem Tag sturm, in einem der anderen Tage davor, noch halb im Schlaf, womöglich auch die bestimmten Rufe des Sportreporters: AUF, AUF!, die wahrscheinlich ihm galten; oder auch das Türenknallen, der Geruch vom verbranntem Essen (träumte er?), das Anschlagen des Topfes, mit einem hölzernen Kochlöffel schließlich, dachte No, hatte ihn sicherlich geweckt. Das einzig Wache für Minuten war dieser Gedanke, allein, dann setzte ein Gefühl ein: Das Ausgetrocknetsein und eine Bewegung, als wieder auf dem Topf getrommelt wurde: Das Öffnen der Augen, nach oben gerichtet, gen Himmel, dazwischen die Decke, weiß, dachte No seinen zweiten Gedanken zu Ende und starrte auf sich hinunter: Er war ganz zugedeckt, glatt, so als habe er sich im Schlaf nicht bewegt, und für einen kurzen Moment fragte No sich, ob er gelähmt sei. Er hob sein Bein an, in der Luft, der letzte Gedanke wurde ungültig, ein neuer setzte ein, drehte No seinen Fuß, er sah: weder Rücken noch Ballen waren dreckig und schloss, als ein Klirren aufleuchtete, zuckte er kurz lebendig zusammen, aus: Ich war nicht somnambul.

No stand auf, er öffnete das Fenster, in dem Moment hämmerte ein Specht, ins Eichenholz, wie inszeniert, dachte No, dann spulte er zurück: Das Klirren, so der Gedanke, war ein Glas gewesen, das erst gegen die Wand, die die Küche von Nos Zimmer trennte, geklatscht, dann in Scherben, die dann auf dem Boden aufgeschlagen waren, zerbrochen war. No hörte genauer zurück: Irgendwann das Einsetzen des Tickens der Uhr, als finge die Zeit an (die Uhr war mit dem offenen Rücken zu ihm gedreht, sodass sie um Zentibel, glaubte No, lauter gewesen war als je zuvor); beim Aufstehen: das Knistern, dann das Knacken seiner Knochen, er dachte „knusprig“, zeitgleich das Quietschen des Bettes, das Schmieren seiner Schweißfüße entlang des Fußbodens, das Knarren des Fensters beim Öffnen, dann der Specht, wie er eingesetzt hatte: höchstens 60 bpm, dann 80, 120, schneller werdend, kurz vor Schnellstmöglichen, wenn alle Schläge scheinbar ineinander fließen, in dem Zeitpunkt als No seine Gedanken wieder an das Jetzt vorgespult hatte, drei Minuten musste er gedacht haben, brach der Specht ab. Pause. Schließlich ein letztes lautestes Hämmern und No bildete sich ein, dass es eine Ankündigung war, er dachte: Intro.

Ein Topf fiel auf dem Fußboden, es schepperte, hallte nach, in dem Nachhall stampfte jemand, dumpf, etwas, vielleicht Erdnüsse im Mörser, dazu das Rascheln der Stäbchen, das Klappern des Metallbestecks, Knirschen als auf den Glasscherben getreten wurde, No versuchte nachzuzählen, er kam nicht auf einen Takt, es pfiff, ein Teekessel, womöglich der Sportreporter, jemand mahnte ihn wohl zur Ruhe, Psst, hatte er sicherlich zwischen den Zähnen gezischt, anscheinend gab es ein Publikum, die Stühle wurden gerückt, dabei quietschten sie, auf CIS, bildete No sich ein, womöglich war ein Mensch in der dritten oder vierten Reihe aufgestanden, ein kleingewachsener, sodass die hinteren Reihen zwangsläufig sich erheben mussten um etwas zu sehen, obwohl es gar nichts zu sehen gab, dachte No, der nun sein rechtes Ohr gegen die Wand gepresst hatte: Eine künstliche Pause, in ihr hinein das Husten der Köchin, dachte No zu hören, gepresst, ähnlich einem Räuspern vor einer Ansage:

Teller, Töpfe, Tassen, Gläser, Schalen fielen minutenlang zu Boden, erklangen.

No drückte seine Zeigefinger tief und luftdicht in die Ohren und krümmte seinen Körper am Boden zusammen. Er löste sich erst aus dieser Haltung, als der Applaus einsetzte, No dachte, dass alle Zuhörer nach dem Konzert, so erschien ihm die Veranstaltung, taub geworden waren und doch als das Klatschen nach Minuten nicht aussetzte, revidierte No seinen Gedanken, die Menschen, dachte No, hatten auch ihr Zeitgefühl verloren.

Hallo?, sagte No zu sich selbst, um zu überprüfen, ob er auch das wirklich Existierende, sich selbst, hörte. Dann ging No in den Flur, der Applaus, aus der Küche kommend, wollte nicht enden. No zögerte kurz, da es missverständlich wirken konnte, wenn er in dem Moment des Beifalls hereinkam, trat dann aber doch ein. Er sah: die Köchin, ermattet, auf dem Esstisch sitzend, mit einem Abspielgerät, daraus die Klänge, der Applaus wie in Loop, auf dem Boden: Spuren von Schuhsohlen, zerbrochenes Geschirr, die Bruchstellen waren schon verfärbt, beige, als lägen die Scherben schon Tage. No konnte nichts mehr trennen, noch zusammenbringen, er verstand nur, dass die Köchin, die wohl Nächte in der Küche blieb um zu installieren, weniger Geschmack- sondern Klangkünstlerin war. Sie schreckte kurz auf, als sie No bemerkte und sagte zu ihm, in einem Ton, befremdlich erleichtert den Satz, den No in seinem Leben bisher nur ironisch vorwurfsvoll zu alten Freunden, die lange Zeit kein Lebenszeichen von sich gegeben haben, sagte: Ich dachte, du wärst tot

13.8.07 04:52

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