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Wo bist du

Was No bereute: Das hellbläuliche Handy wiedergefunden zu haben. Er war ganz kurz vor dem eigentlichen Sinn eines jeden Lebenskünstlers: dem Zeitloswerden, ortlos geworden. Die Einwohner der Stadt fragten, als sie ihn auf der Straße sahen, verwirrt: „Ist es noch unsere Stadt? Ist das noch unsere Stadt, wenn du dich hier aufhälst.“ Da lachte der No in sich hinein.
Tatsächlich verliefen sich immer mehr Menschen, der No beobachtete, er schloss dabei aus, dass der junge Mann etwaige geistige Schwächen besaß, sein Auftreten, besonders das der Füße, war so stramm und rigid, dass von einem festen Mentalzustand auszugehen war. Jedenfalls knickte der junge Mann keineswegs zusammen, oder wurde zerknüllt, als er beim Einführen, die ersten Male gelang weder dies, schon skeptisch, dann beim Umdrehen des Schlüssels nüchtern feststellen musste: Wieder nicht meine Wohnung.
Am Morgen hatte er einen Apotheker aufsuchen wollen, bog dabei jedoch in die falsche Straße ein, auch der No, der sich in dieser Stadt nicht erinnernd auskannte, einen Stadtplan suchte, landete in der Bäckerei. Der No bestellte, sagte: „Einen Kaffee zur Beruhigung“ und sah den jungen Mann, wie, obwohl ihm anderes aufgetragen worden war, er sagte: „Wo ist der Apotheker? Jemand aus meiner Familie stirbt“, dann von der Bäckerin Buttercroissant annahm und nur kurz auf die Brötchen beharrte.

Später am Nachmittag, nach dem wieder missglückten Versuch eine , seine Wohnung zu öffnen, sagte der junge Mann in einem Zwiegespräch zu dem No: Sie, ich habe Sie schon heute Morgen gesehen.

Was der No verschwieg: eine Antwort. Er ging weiter ohne etwas zu sagen. Er konnte, das wusste er, so zielstrebig er dem Mann folgte, unmöglich ihm glaubhaft erklären, dass er nicht von hier komme und einen Stadtplan suche. Nun verfolgte er den junge Mann, bis nachts entlang, als würde das zu einem Ziel führen: zu dem Braun am Rand des Stadtplans, „Landkarte“, sagte der junge Mann dazu. Das Braun ist grün und ein Hügel. Der junge Mann merkte den Atem des Nos, direkt an sich.
Auf dem Display des Handys: die Warnung: AKKU SCHWACH. Der No hatte in dem Kampf den jungen Mann, dieser dachte symbolisch: „Ich muss dem No die Schuhe ausziehen, dann wird er mich nicht mehr verfolgen“ getötet. Der Gedanke war so bedingungslos, dass er sich nicht wehrte, als der No im Takt auf seinem Kopf einschlug.
Der junge Mann warf den linken Schuh des Nos in den Busch und starb.
Der No suchte seinen Schuh und fand ein Mobiltelefon. Er schaltete es an und versuchte damit den Busch zu erleuchten. Er schreckte, als handle es um ihn, zusammen, als die Warnung: AKKU SCHWACH aufleuchtete. Er fand seinen Schuh, panisch. Wieder leuchtete das Display auf, jemand schrieb. Er öffnete die Nachricht. Sie lautete: WO BIST DU. Der No rannte, weg von der Stadt, hinaus. WO BIST DU. Er warf, vergessend, das Mobiltelefon im großen Bogen weg. Es prallte gegen etwas, metallern. WO BIST DU. Am Ortsausgangsschild las er, der erste Buchstabe war wie das Mobiltelefon darunter: zerbeult, in verschrobener Schrift: KILDESHEIM.

1 Kommentar 22.9.07 22:29, kommentieren