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Zusammenbruch

Schmerz lagen die Aepfel in den Hoehlen
Stechen zwischen Guertel und Rippen, Druck darueber
zweiundvierzig Stunden Schlaf: dasselbe, Nacken steif
sein Gesicht wurde auch immer mehr so, dass er sauer wurde

Ich KANN jetzt keine Stoerung haben!
sagte er und ass etwas Gesundes
und schlief wieder und begann zu lesen:
"Die Stimmen eines Verletzten und eines, der phantasiert"

2.8.07 15:11, kommentieren

Da

Morgen, wollte ich fliegen, nach Hause zu mir, mit einer Maschine. Sollte sie kommen, zu mir, hier da draussen, die Fliegemaschine. Ich solle hier warten, zu mir, hat man gesagt. Ich warte, ich habe mich beeilt, Schwierigkeiten hatte ich zu ueberwinden, bin da, jetzt. Ich warte, es kommt die Maschine, sie setzt an zur Landung, und landet, und fliegt wieder weg. Bin da, hier, jetzt, bei mir.

1 Kommentar 8.8.07 23:29, kommentieren

Die Klanginstallation

Es war vielleicht die Klingel, sonor und an diesem Tag sturm, in einem der anderen Tage davor, noch halb im Schlaf, womöglich auch die bestimmten Rufe des Sportreporters: AUF, AUF!, die wahrscheinlich ihm galten; oder auch das Türenknallen, der Geruch vom verbranntem Essen (träumte er?), das Anschlagen des Topfes, mit einem hölzernen Kochlöffel schließlich, dachte No, hatte ihn sicherlich geweckt. Das einzig Wache für Minuten war dieser Gedanke, allein, dann setzte ein Gefühl ein: Das Ausgetrocknetsein und eine Bewegung, als wieder auf dem Topf getrommelt wurde: Das Öffnen der Augen, nach oben gerichtet, gen Himmel, dazwischen die Decke, weiß, dachte No seinen zweiten Gedanken zu Ende und starrte auf sich hinunter: Er war ganz zugedeckt, glatt, so als habe er sich im Schlaf nicht bewegt, und für einen kurzen Moment fragte No sich, ob er gelähmt sei. Er hob sein Bein an, in der Luft, der letzte Gedanke wurde ungültig, ein neuer setzte ein, drehte No seinen Fuß, er sah: weder Rücken noch Ballen waren dreckig und schloss, als ein Klirren aufleuchtete, zuckte er kurz lebendig zusammen, aus: Ich war nicht somnambul.

No stand auf, er öffnete das Fenster, in dem Moment hämmerte ein Specht, ins Eichenholz, wie inszeniert, dachte No, dann spulte er zurück: Das Klirren, so der Gedanke, war ein Glas gewesen, das erst gegen die Wand, die die Küche von Nos Zimmer trennte, geklatscht, dann in Scherben, die dann auf dem Boden aufgeschlagen waren, zerbrochen war. No hörte genauer zurück: Irgendwann das Einsetzen des Tickens der Uhr, als finge die Zeit an (die Uhr war mit dem offenen Rücken zu ihm gedreht, sodass sie um Zentibel, glaubte No, lauter gewesen war als je zuvor); beim Aufstehen: das Knistern, dann das Knacken seiner Knochen, er dachte „knusprig“, zeitgleich das Quietschen des Bettes, das Schmieren seiner Schweißfüße entlang des Fußbodens, das Knarren des Fensters beim Öffnen, dann der Specht, wie er eingesetzt hatte: höchstens 60 bpm, dann 80, 120, schneller werdend, kurz vor Schnellstmöglichen, wenn alle Schläge scheinbar ineinander fließen, in dem Zeitpunkt als No seine Gedanken wieder an das Jetzt vorgespult hatte, drei Minuten musste er gedacht haben, brach der Specht ab. Pause. Schließlich ein letztes lautestes Hämmern und No bildete sich ein, dass es eine Ankündigung war, er dachte: Intro.

Ein Topf fiel auf dem Fußboden, es schepperte, hallte nach, in dem Nachhall stampfte jemand, dumpf, etwas, vielleicht Erdnüsse im Mörser, dazu das Rascheln der Stäbchen, das Klappern des Metallbestecks, Knirschen als auf den Glasscherben getreten wurde, No versuchte nachzuzählen, er kam nicht auf einen Takt, es pfiff, ein Teekessel, womöglich der Sportreporter, jemand mahnte ihn wohl zur Ruhe, Psst, hatte er sicherlich zwischen den Zähnen gezischt, anscheinend gab es ein Publikum, die Stühle wurden gerückt, dabei quietschten sie, auf CIS, bildete No sich ein, womöglich war ein Mensch in der dritten oder vierten Reihe aufgestanden, ein kleingewachsener, sodass die hinteren Reihen zwangsläufig sich erheben mussten um etwas zu sehen, obwohl es gar nichts zu sehen gab, dachte No, der nun sein rechtes Ohr gegen die Wand gepresst hatte: Eine künstliche Pause, in ihr hinein das Husten der Köchin, dachte No zu hören, gepresst, ähnlich einem Räuspern vor einer Ansage:

Teller, Töpfe, Tassen, Gläser, Schalen fielen minutenlang zu Boden, erklangen.

No drückte seine Zeigefinger tief und luftdicht in die Ohren und krümmte seinen Körper am Boden zusammen. Er löste sich erst aus dieser Haltung, als der Applaus einsetzte, No dachte, dass alle Zuhörer nach dem Konzert, so erschien ihm die Veranstaltung, taub geworden waren und doch als das Klatschen nach Minuten nicht aussetzte, revidierte No seinen Gedanken, die Menschen, dachte No, hatten auch ihr Zeitgefühl verloren.

Hallo?, sagte No zu sich selbst, um zu überprüfen, ob er auch das wirklich Existierende, sich selbst, hörte. Dann ging No in den Flur, der Applaus, aus der Küche kommend, wollte nicht enden. No zögerte kurz, da es missverständlich wirken konnte, wenn er in dem Moment des Beifalls hereinkam, trat dann aber doch ein. Er sah: die Köchin, ermattet, auf dem Esstisch sitzend, mit einem Abspielgerät, daraus die Klänge, der Applaus wie in Loop, auf dem Boden: Spuren von Schuhsohlen, zerbrochenes Geschirr, die Bruchstellen waren schon verfärbt, beige, als lägen die Scherben schon Tage. No konnte nichts mehr trennen, noch zusammenbringen, er verstand nur, dass die Köchin, die wohl Nächte in der Küche blieb um zu installieren, weniger Geschmack- sondern Klangkünstlerin war. Sie schreckte kurz auf, als sie No bemerkte und sagte zu ihm, in einem Ton, befremdlich erleichtert den Satz, den No in seinem Leben bisher nur ironisch vorwurfsvoll zu alten Freunden, die lange Zeit kein Lebenszeichen von sich gegeben haben, sagte: Ich dachte, du wärst tot

13.8.07 04:52, kommentieren

Niemand darf sterben

Einen winzigen Schlauch in der Nase, die Augen abgeklebt, eine aerztliche Mitteilung unter dem Kopfkissen, seine restliche Reise werde nur noch eine innere und sein restliches Leben werde nur noch ein relatives sein, ueberdies bereits unweit der beigen Stadt, notierte No einige theoretische Ueberlegungen in Vorbereitung seines ersten und letzten Reiseromans TEIL EINER GROESSEREN AUFREGUNG. REISEROMAN. Fuer Anton. Gegen Bert.:

Die Sprechstundenhilfenerotik ist die groessere als die Krankenschwesternerotik, wahrscheinlich weil beide auf der Pein und Scham des Patienten beruhen, die im Krankenhaus vor allem im Akt des Eintritts, der Einweisung, -lieferung liegt und damit - ab da ist man sowieso Teil eines Mikrokosmos der relativen Wuerdelosigkeit, die in der Natur der Sache liegt und nicht mehr auffaellt - sozusagen schnell abgehandelt ist. In die Arztpraxis kommt man dagegen nur en passant, ein normaler BUERGER mit einem Stolz und einer Persoenlichkeit und einer Erscheinung, es ist, als betraete man, seine voellige Verdreckung verbergen wollend, ein normales Geschaeft und muesse vor der zweckmaessig-sauber gekleideten Verkaeuferin ueberraschend den "Oberkoerper freimachen", um vom beschaeftigt-nichtanwesenden Besitzer des Geschaefts nach einigem Warten und Gewaschenwerden durch die Verkaeuferin eventuell am Ende die gewuenschte Ware zu erhalten - gegen Abgabe seiner saemtlichen Lebensdaten und einer symbolischen Gebuehr. Ausserdem bringt einen ins Krankenhaus gefuehlter Weise das Schicksal, man ist ein aus dem normalen Leben gefallenes Tier, das aufgepaeppelt werden muss - der entweder verkniffene oder aber lautstark sich offenbarende und fordernde Arztaufsucher mit seinem speziellen koerperlichen Anliegen gleicht immer auch dem Puffgaenger.

Nebenan lag ein Krebskranker, der fernsah. No klappte sein Notizbuch zu und sah auf den Apparat. Er war ausgeschaltet. No bestand darauf, ihn anzuschalten. Der Krebskranke hatte keinen Willen mehr und kramte die Fernbedienung unter sich hervor. Auf VOX kam ein Auswanderer. Er hatte seinen Tag damit verbracht, mit einem vietnamesischen Dorfpraesidenten ueber die touristische Erschliessung des Dorfes zu verhandeln. Er war erfolgreich gewesen. Der Auswanderer, auf dem Kreuzungspunkt einer Strassenkreuzung Hanois, umtost von Motorrollern, sagte, ein wenig drohend: "Ich bin ueberhaupt nicht einsam hier. Ich bin - gluecklich." No lachte laut, ein wenig haemisch und taktlos und unueberlegt, heraus. Da es ihm peinlich war, blickte er zum Nachbarbett, um Bestaetigung zu erhalten. Der Krebskranke sah unbewegt auf den Schirm, ein leichtes Laecheln um seine Lippen, vielleicht. No griff erneut das Notizbuch, notierte: Der Krebskranke im Sterbebett: "Weisst du, es ist so ein gewisser Druck von mir weg."

13.8.07 18:37, kommentieren

Berliner Platz

Der Berliner Baer rueckt an das suedwestliche Ende
vor die Boeschung am Wasserturm

die Pkw kommen weg vom Berliner Platz
die Telefonzelle wird in Richtung Trafostation verschoben
die Boeschung am Wasserturm
wird zur Einrichtung eines Wasserspielplatzes genutzt

die in der Mitte des Platzes vorhandenen Baeume
werden durch vier neue
(Grossbaumverpflanzung Eiche)
an seinem noerdlichen Ende ersetzt

Beleuchtung von vier neuen Lampen
der ganze Wasserturm ab Herbst von vier Strahlern

das als rotbraun vorgestellte
bedingt wasserdurchlaessige Betonpflaster auf dem Platz
wuerde eher braeunlich
statt auffallend rot
Befuerchtungen der Berliner Platz
wuerde zum Roten Platz
sind unbegruendet

VIERZIG JAHRE LANG IST NICHTS AM BERLINER PLATZ GEMACHT WORDEN
DA SOLLEN WIR NICHT MEHR LANGE DISKUTIEREN
SONDERN UNS MIT DEN BEWOHNERN FREUEN
DASS ETWAS GEMACHT WIRD

ab Herbst: aus einer von Hand zu bedienenden Pumpe am Wasserturm
fliesst Brunnenwasser in einer Rinne
kaskadenfoermig
die Boeschung hinunter zum Berliner Platz

14.8.07 19:07, kommentieren

Nos Nacht

der raum ohne fenster
ist trübe geworden rauchig
und geruchlos nebel ist hier eingezogen
und menschen musik jetzt


dada enthemmt entknöchere ich mich
mnk krs grgr trshrm
nnshnd dvshkh dndmnd
machen die kunst meine tanzpartnerin
so nennt sie sich wohl
hat mit allen schon hinter dem dj pult
ausser natürlich mit mnk sagt sie
denn man sagt nur den vornamen
und lächelt gefickt


von der decke tropfte es
würde sie auch sagen morgen zu allem hier
ich sage ich reibe gerade meinen rücken
an den einer anderen frau


und sie verschwand

in den körperspam in der mitte des raums

14.8.07 22:31, kommentieren

Zitronenstueck

DER STROHHUTTRAEGER SAGT
Meine Faehigkeit war die, dass eine jede meiner Inszenierungen so in sich geschlossen, auch in der groessten Artifizialitaet natuerlich wirkte, als blickte man als Zuschauer direkt in meinen Kopf hinein. Und dabei bedeutete dies nicht, dass ich etwa meinen Schauspielern ein bereits fertig ausgearbeitetes Konzept vorlegte, das diese dann mit groesster Anstrengung und Disziplin in Szene zu setzen haetten, was ja immer mit einer gewissen Blutarmut im Endprodukt einhergeht. Nein, es verhielt sich sogar so, dass ich meinen Akteuren, allesamt natuerlich sorgfaeltig ausgewaehlt, lediglich eine Art Geruest mitbrachte, nicht einmal mehr als eine Anregung vielleicht, und mit untrueglichem Instinkt vermochte ich dann abzuschaetzen, welcher mir praesentierte, ich sage gerne: Stein das Haus tragen koenne und also an der passenden Stelle einzusetzen sei. Nicht selten lag schliesslich am Ende, haette man die Steine wieder abgetragen und nachgeschaut, dem fertigen Haus ein Geruest zugrunde, das mit dem urspruenglichen kaum etwas mehr gemein hatte. Und man konnte sich sicher sein, dass es im Kopf des Architekten nicht anders war.

DER SCHAMHAFTE SAGT
Einmal an eine Situation zurueckdenken koennen, fuer die ich mich nicht in irgendeiner Weise - im Grunde ist es doch immer nur die allerselbe, die des Involviertseins - schaeme.

DER KUENSTLER SAGT
Die Arbeit eines Kuenstlers (und damit ist keinesfalls nur der Regisseur gemeint, dieser, der ja noch mit realen "Arbeitern" zusammenarbeiten darf, die naturgemaess ein Mindestmass an Verstaendnis besitzen, womoeglich sogar am wenigsten) ist immer die des Architekten, der seinen voellig unwissenden, beinahe Sprach-losen Ingenieuren und Arbeitern peinlich genau erklaeren, vielmehr noch durch Laute, Gesten und Skizzen veranschaulichen muss, wo welcher Stein hingehoert. Die besondere Schwierigkeit hierbei ist, dass die - wie man ja meinen koennte: vorherige - Idee des Gebaeudes und das muehsame Erklaeren oft, handelt es sich um "gute" Kunst, sogar ausschliesslich, ein einziger, untrennbarer Vorgang sind.

DER DEUTSCHE SAGT
Jolie, Pitt, Cruise, Holmes wollen nach Berlin ziehen. Cruise hat gesagt: "Hier ist es schoen, eine Stadt von Welt." Und selbst hier, wo sie doch wirklich alle hinziehen wollen, eine dicke teure Wohnung kaufen, setzt mein Minderwertigkeitskomplex ein, der fluestert: "Das sagen sie nur so, aus Hoeflichkeit und Marketinginstinkt, das sagen sie auch ueberall sonst - aber vor allem hier, in Deutschland - auf der Welt und meinen es nie."

MALIKA SAGT
Ich glaube, dass das, was die anderen an mir so lieben, meine mir eigene Faehigkeit oder eigentlich lediglich: Eigenschaft, ist, je nach Zeitpunkt entweder wunderschoen oder unsagbar haesslich, allerdings auf eine bemitleidenswerte und nicht abstossende Weise, auszusehen. So wird keiner meiner Bekannten von einem dieser beiden Anblicke erdrueckt, stattdessen kann man sich jeweils, in der jeweils entsprechenden Weise, freuen, an meiner Schoenheit oder eben der geringeren eigenen Haesslichkeit. Auch muss ich mit meiner Eigenart besonders zart wirken, in einer sozusagen genialischen Weise: der Wechsel zwischen den Extremen gehoert - zumindest in der landlaeufigen, kitschigen Vorstellung, auf die es hier ja ankommt - zu jedem genialischen Menschen und jeder, der auch nur irgendein Herz hat und nicht selber ein Genie ist, muss sich hingezogen fuehlen, dem genialischen Menschen in seinem Schwanken Halt zu geben, gewissermassen das ausschlagende Pendel ein Stueck nach oben zu verschieben, aufdass das obere Ende seiner Amplitude nunmehr im Bereich des wahrhaft Grossartigen liegen moege und das untere noch im Normalen - oder zumindest, waehrend eines Hochs, einen Stopper in die Mitte einzuschlagen. Dass nichts davon im Falle der Schoen- oder Haesslichkeit eines Menschen eigentlich moeglich ist, tut nichts zur Sache.

THOMAS GOTTSCHALK SAGT
Der einzig interessante Moment in meiner Sendung ist, wenn ich die Antisichtbrillen teste; man hofft jedes Mal wieder, ich wuerde nicht kurz vor dem Gesicht des Kandidaten abstoppen. Aber ich bin ein Entertainer, kein Kuenstler.

EIN BEWOHNER EINER KLEINEN, NIEDRIGEN STADT SAGT
Heute morgen kam mir der Gedanke, dass diese in ihrer Gewoehnlichkeit, ihrer Blaesse, ihrer Leidenschaftslosigkeit zutiefst haessliche kleine Stadt fuer mich schreiend Unfertigen, sich fuer seinen derzeitigen Zustand diffus, aber heftig Schaemenden doch im Moment die richtige sein koennte, damit ich mir nicht die glanzvollen Orte dieser Welt durch Dortsein in eigener Derangiertheit, durch Hassprojektion zwecks Selbsterhalt fuer spaeter verleide.

DER SCHAMHAFTE SAGT
Man wollte gemeinsam einem banalen menschlichen Vergnuegen nachgehen und deshalb hatte man mich nicht eingeladen.

DER KUNSTMALER OSKAR KOKOSCHKA SAGT
Ich trage den besten aller Namen.

JOHANNES B. KERNER SAGT
Vor lauter Interesse werde ich demnaechst meine beiden Haende marinieren und grillen lassen und danach nie wieder meine Ablesekaertchen benutzen koennen.

MALIKA SAGT
Wenn ich so aussehen wuerde, wie ich denke, haette ich keine Probleme.

DER EHER UNBEKANNTE SCHRIFTSTELLER SAGT
Mir fehlt zum klassischen boesen, extremistischen Tod-und-Teufel-Schriftsteller der blutige, masochistische Ingrimm, sich jeden Tag erneut in das Leid, den Ekel, die Depression, den Hass hineinzufressen, dahinein ganz zu ziehen am besten; fuer mich ist solches Schreiben (noch) eine Klage im (momentanen) Unglueck, die nicht nur angehoert, sondern tatsaechlich erhoert werden will - oder zumindest dem Schreiber eine, mehrere Erleichterung verschaffen, ihm tatsaechlich verarbeiten helfen, aufdass er bald gereinigt wieder in das Reich der Gluecklichen und Normalen zurueckkehren koenne.

FALKO GOETZ SAGT
Es ist wichtig, gar nichts zu sagen.

DER KLEINE MANUEL SAGT
Man hatte mich gefragt, ob ich frech sei, ich hatte alle Scheiben zerschlagen und mich wieder hingesetzt. Ich sagte, ich sei nicht frech.

DAS EINZELKIND SAGT
Kann es sein, dass ich voellig in Posen erstarrt bin? Dass die ganze Problematik nicht zuletzt auf einer eher simplen psychophysischen Mechanik beruht: dass ich mich eines Repertoires an Gesten, Mienen, Sprache bediene, das den anderen abgeguckt ist vor allem und kaum anderem als Wirkung und sozialem Ueberleben dient und ich unter dem Einfluss dieser speziellen Macht des Faktischen nicht mehr weiss, was ich denke und was ich fuehle und wer ich bin?

JOCHEN DISTELMEYER SAGT
Meine Jungs und ich, aber vor allem ich, haben gute Texte gemacht, gute, ein bisschen langweilige Videos und sehr langweilige Musik. Darum haben wir, habe ich beschlossen, uns zu trennen und von nun an nur noch ich zu sein.

MALIKAS SOHN SAGT
Meine Schoenheit hat etwas Verklemmtes.

DER ALLEINSTEHENDE LEHRAMTSSTUDENT SAGT
Die Lehramtsstudentinnen hier: alle sind sie gesichtslos, alle fruehvergreist oder alte Kinder, alle unwissend und dabei bestens ausgeruestet fuer ihr langes Pragmatikerleben. Obwohl: bei manchen hat man das Gefuehl, dass sie sich nur die aeusserlichen Insignien eines gesunden, "erfolgreichen", nicht aus der Bahn zu werfenden Pragmatikers zugelegt haben, aber doch nicht die erforderliche Properheit besitzen und also nie eine (richtige) Lehrerin sein werden und also ihre innere Jaemmerlichkeit sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine jedem und auch ihnen selbst sichtbare Lebensjaemmerlichkeit verwandeln wird.

DER FREUDLOSE SAGT
Leben ohne Spass
macht ab und zu die Augen nass

DER EINUNDZWANZIGJAEHRIGE SAGT
Es heisst, irgendwann, so mit einundzwanzig vielleicht, haette man nicht nur seine Handschrift, sondern auch seine Persoenlichkeit, den Kern, gefunden und herausgebildet und entwickelt, man habe dann herausgefunden, worauf es einem ankomme, was wichtig und vor allem wer man selbst sei; es ist falsch, man hat nur irgendwann keine Kraft mehr, darueber nachzudenken oder gar etwas beeinflussen zu wollen.

SEAL SAGT
Listen to the distance between us.

DER KOMIKER SAGT
Meine Witze sind immer ein wenig zu gut erzaehlt, als dass man ueber sie lachen koennte.

LUTZ SEILER SAGT
Es gibt, habe ich gelesen, eine Form der schlechten Lesung, die den Literaturbetrieb oft zum Jubeln bringt. Das ist, habe ich gelesen, wenn der Autor einen leiernden, aber gleichzeitig ganz an seinen Text hingegebenen Tonfall hinkriegt und der Vortrag die Anmutung eines Bekenntnisses annimmt: Dies ist mein Text, ich kann nicht anders! Ich, habe ich gelesen, lese so.

DER KOMIKER SAGT
Ich fand Scherze immer schon ein wenig peinlich.

DAS EINZELKIND SAGT
Wenn jemand etwas zu mir, ueber mich sagt, ist das fuer die darauffolgenden Stunden alles, was ich ueber mich zu denken habe, was ich, fuer mich, bin.

LUTZ SEILER SAGT
Ich habe dieses Jahr dann auch den Bachmannpreis bekommen.

DER LESER SAGT
Ich habe eine Abneigung gegen das Lesen. Ich straeube mich gegen die Mitarbeit am fremden Kunstwerk, die Lesen bedeutet - vergleichbar mit der Erniedrigung des aegyptischen Sklaven, der die Pyramide aufbauen muss und, als das prachtvolle Ergebnis erreicht ist, nichts vom Ruhm des Architekten abbekommt, sich vielmehr seiner eigenen Winzigkeit noch staerker bewusst wird. Dazu kommt, dass ich mich mein ganzes Leben lang schon vom Denken anderer Menschen bedraengt fuehle - und mich durch meine kopflastige Veranlagung auch intensiv damit beschaeftigen muss -  und dieses Erlebnis nicht auch noch "in der Freizeit" haben will. Die von mir, das Konsumieren betreffend, favorisierten Kunstformen praesentieren, servieren dem Publikum etwas, das dieses lediglich zu geniessen oder abzulehnen braucht oder auch schlicht ignorieren kann.

THOMAS GOTTSCHALK SAGT
Vorher war ich auch schon da. Aber ich weiss nicht, ob man mich gesehen hat.

DER KLEINE SAGT
Es gibt einen Typus von kleinen, meist lustigen, kommunikativ-femininen Maennern mit guter Rueckenmuskulatur, federndem Schritt, eckigen Bewegungen und riesenhaftem, muehsam niedergedruecktem Minderwertigkeitskomplex. Zu diesem Typus gehoere ich.

FRANZ KAFKA SAGT
Schlimm, wenn man, wo man auch hingeht, wo man auch ist, was man auch tut, wen man auch trifft, nur noch Parabeln, Gleichnisse, Allegorien, Metaphern, Symbole und Fabeln sieht.

DER VORGAENGER SAGT
Man sagte mir, mein Nachfolger und ich seien als Menschen nicht vergleichbar. Darum gehe es auch nicht, da brauchte ich mir keine Gedanken zu machen. Ich sei durchaus in Erinnerung geblieben und er sei, wie ich sicher wisse, fuer die ganze Einrichtung eine Freude. So oder so gebe es fuer keine der Seiten Anlass zur Besorgnis.

DIE INSCHRIFT DES GRABSTEINS DES EHER UNBEKANNTEN SCHRIFTSTELLERS SAGT
Seine Karriere als Schriftsteller, noch bevor sie angefangen hatte, endete, weil leider er sich nie an die Traeume am Morgen hatte erinnern koennen, die er in der Nacht spektakulaer und beklemmend noch gehabt hatte.

EIN ZITRONENSTUECK SAGT
Wie alle Dinge, so auch ich, das ich gerade gegenueber einer Zunge am anderen Ende eines in der Breite zusammengezogenen Strohhalms haenge, hysterisch darauf bedacht sind, dass nicht irgendwo ein Nichts entsteht - es scheint, als seien auch wir, als sei auch ich nur so etwas aehnliches wie ein Mensch.

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