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No flieht

Ich will nicht mehr ich sein, sagte No und nannte sich No. No wollte noch einmal anders anfangen. Er zerknuellte den ueber und ueber beschriebenen Bildschirm und nahm vom Stapel einen neuen. No war nicht befriedigt vom Gang der von ihm beschriebenen Ereignisse. Wie er entschied, lag dies weniger an der Weise und Qualitaet seiner Darstellung als vielmehr am mangelnden Gehalt der Vorgaenge, in welche er sich involviert sehen musste, selbst. Eventuell war ihnen auch eine kategorische Undarstellbarkeit, Unuebersetzbarkeit ins Schriftliche zu eigen, wenigstens momentan, No konnte es nicht sagen und wollte es auch nicht mehr und versteckte den haesslich weissen Schirm. Es scheint ein Mangel an Perspektive, sagte No leise und griff nach einem grossen herkoemmlichen Stift. Er biss die Kappe herunter, hielt ein wenig inne und schrieb dann unuebersehbar auf den Tisch:

NO MUSS EINE ZWEIPERSON WERDEN UND SEINE PERSPEKTIVE VERDOPPELN. UM DER MINUSINTENSITAET BEIZUKOMMEN UND SEINEN SPASS ZU HABEN. DANN MUSS ER FLIEHEN. DAS LEBEN IN DER KLEINEN BEIGEN STADT IST FURCHTBAR UND MOMENTAN NICHT MEHR INTERESSANT. ES MUSS BESSERES GEBEN.

Befreit stand No auf und ging seine Geldkarte suchen. Er fand es gut, in zwei verschiedene Richtungen zu reisen. Seine Brille wollte er dalassen. Unverstaendliches murmelnd, biss er sich versehentlich in die Lippe.

10.7.07 15:30, kommentieren

Oesterreich ist ein Schwellenland

No dachte ueber den Unterschied von FLIEHEN und FLUECHTEN nach. Wenn man Flucht sagt, betont man die Geschwindigkeit des Vorgangs sowie die dieser zu Grunde liegende Bewegung selbst. Nein, dachte No, lediglich fliehen tue ich, und bestieg sich gemessenen Schrittes umblickend den Zug. Er machte ein Sechserabteil auf. Keine anderen Fahrgaeste befanden sich darin. Wir werden einsam sein, dachte No.

Im Bahnhof Nuernberg stieg der Dolmetscher zu. No raeumte ihm einen der Sitze im Abteil frei, die er alle mit seinen diversen Reisebefangenheiten zugedeckt hatte. Der Dolmetscher trug ein hellblaues Button-Down-Hemd, einen Travellerrucksack und eine Arnold-Schwarzenegger-Spiegelbrille. Er schraubte ein gewaltiges Blitzgeraet auf seine Canon AE-1 und drueckte eine Taste. Ein sehr leises, aber doch sehr bedrohliches Laserkanonenheulen setzte ein und bekundete die Schussbereitschaft der Blitzmaschine. Der Dolmetscher machte ein scharfes Foto von der unbewegten Miene Nos, diesen qua Ultrakurzbeleuchtung zur zweidimensionalen Silhouette reduzierend.

Wenn der Selbstmoerder totgefahren auf dem Gleis liegt, muss der ganze Zug warten. Hier zeigt sich sehr schoen das Problem mit den Perspektiven und vielleicht auch, warum der Mensch sich hat totfahren lassen. Der Zugpassagier, dachte No, kann fuer den Vorfall nichts aufbringen als eine gut geschuettelte Emulsion aus abstrakter Bestuerzung und ehrlicher Verstimmung ueber das Ausufernde der Verzoegerung. Wir, die wir gerade vielleicht dem Ende eines schoenen Films ueber das Schicksal des Suizidalen beiwohnen, denken nicht einmal an die Bahnfahrer, die uns ja auch nicht gezeigt werden, und bemitleiden den kleinen Menschen fuer die riesige Bahn, die gegen ihn gefahren ist, machen einen projizierten Solipsismus mit, den die wohlkonstruierte Filmfigur, so es sie denn gibt, so vielleicht niemals gewollt hat.

Als der Dolmetscher von der Toilette kam, trug er seinen Slip ausgezogen in der Hand, dachte No. Ein Seidenhalstuch, sagte der Dolmetscher, um seinen Hals herumnestelnd.

Oesterreich. L. Buchlberger, Zugbegleiter, las No. No musste sich als Englaender ausgeben und englisch zu dem Buchlberger sprechen. Wenig spaeter machte dieser eine englischsprachige Zugdurchsage. Als der Oesterreicher englisch spricht, floetet er, dachte No. Der Zug hielt an. No trat auf den Bahnsteig.

Was ist ein Oesterreicher? Wie erkenne ich einen Oesterreicher? Erkenne ich ueberhaupt einen Oesterreicher ausserhalb von Oesterreich? Irgendwas ist beim Oesterreicher zu eng zusammengeschoben, im Gesicht, dachte No. Irgendwas passt nicht. Vielleicht hat die Sprache die Sprachmuskeln verzogen, den ganzen Mund zuerst und dann das Gesicht. Vielleicht haben die anwesenden Berge, deren pervers raumgreifende raeumliche Praesenz-. No trat zurueck in den Zug, das Abteil und zog sich eine Sueddeutsche Zeitung ueber den Kopf und schlief.

Zahlreiche alte Maenner liefen auf dem Gang Patrouille und schauten durch ihre Sonnenbrille hinaus auf die fliegenden Vierkanthoefe. No traeumte.

In Wien Westbahnhof wollte No etwas von Wien sehen. Voellig eingekeilt zwischen rotweissen Zuegen sah er nichts.

An der Grenze: die Stille war total
Nur Wind in der ungarischen Steppe

No wurde geweckt und kontrolliert. Als die Beamten ausgestiegen waren, fuhr der Zug nicht weiter, tot war er und schien willig Teil der Landschaft zu werden und einzuwachsen. Mit geballter humoristischer Anstrengung stemmten No und der Dolmetscher sich jeder landschaftlich bedingten Stimmung entgegen.

In der feinen Dachgartenlounge neben der Budaburg bestellte der Dolmetscher den billigsten Wein der imponierenden Weinkarte und der dritte Kellner beschied, man habe weit bessere. Als der Hungare den Probeschluck des viel besseren Weins eingoss, ergab sich das schaurig-schoene Bild des verkostenden Dolmetschers nebst dem neben ihm verkniffen hoeflichen Kellners, der naemlich erkannt hatte, dass der Dolmetscher nicht ein reicher Wirtschafter war, sondern nur ein Dolmetscher. No wurde beklommen und bestellte ein Paulaner vom Fass.

Die Tochter der Mutter, 55 Jahre, beide, hatte eingeladen in die zentrumsnahe Altbauwohnung fuer 15 Euro zum Schlafen am Fenster zur lauten Strasse hinaus. Das dreifache, aber nicht schliessbare Fenster machte die Geraeusche der Strasse im Raum stehend und No traeumte, er sei wieder in der kleinen Stadt und die Bande ersteige sein Treppenhaus, ihn zu holen. Da wachte No auf und dachte NUR EIN TRAUM, denn sie sind hier und kommen mich wirklich holen. Er ging aus der Wohnung hinaus auf die viel zu pittoreske Atriumsgalerie und sah niemanden und schrieb die Geschichte mit dem Fenster auf.

12.7.07 12:01, kommentieren

Kiesbueffel

Um den Zug herum war stundenlang nichts, ein bisschen Gras hoechstens. Die Sonne war schon weg, nur ein rosa-orangener Streifen lag auf der Horizontslinie und machte mit den langgezogenen blaufarbenen Einzelwolken auf tuerkisem Grund eine schoen verstoerende Begruessungsatmosphaere. Die Uhr musste man vorstellen. In kuerzesten Intervallen hupte der Lokomotivfuehrer.

Das Auto war ein ruestiger Dacia im Rentenalter, in dem eine Familie aus der Stadt heraus fuhr. No, der Dolmetscher und beider Rucksaecke quetschten sich hinein. Becicherul Mic, sagte der Dolmetscher und der braun-rot gesprenkelte Arbeiternacken des steuernden Vaters schien nichts dagegenzuhaben, stoisch trug er den stummen Kopf und die Goldkette, nie verdrehte er sich zur Drehung. Da auch die Muttersperson auf dem Beifahrersitz still blieb, wandte No sich beengt den munteren uebereinander sitzenden Kindern zu, das untere jung, das obere noch juenger, beide Jungen, nebst der arg gequetschten Kindertante. Der obere, wenn sein Bruder ihn mit den Knien ein wenig auf und ab schaukelte, kicherte leise und gluckste piepsige Laute des Wohllauts. Putzig war er und blickte mit langen Wimpern und versonnenen Augen zart in die Landschaft. An seinem rechten Ohrlaeppchen trug er einen goldenen Haengeohrring mit rotem Steineinsatz. No wollte ihn fragen, ob er ein Homosexueller war, da aber der Junge ihn sowieso nicht verstehen wuerde, sagte er:

DIE AUGEN DES MENSCHEN, WENN MAN SIE AUF DEN REINEN AUGAPFEL REDUZIERT, SIND IN IHRER REZEPTION DURCH DIE PSYCHEN ANDERER MENSCHEN VERGLEICHBAR DER KLASSISCHEN DRAMATURGISCHEN LEERSTELLE IM FILM, IM THEATER UND IN DER LITERATUR. BEIDE WERDEN ERST VOM JA EINZIG INHALTSVOLLEN AUSSENRUM MIT BEDEUTUNG AUFGELADEN. DANN TRETEN SPEZIELL DIE AUGEN AUCH NOCH PARS PRO TOTO ALS SYMBOL FUER DEN GANZEN MENSCHEN BZW. DESSEN MOMENTANEN SEELENZUSTAND AUF.


No fiel auf, dass der Vater die ganze Zeit, auch wenn er geradeaus fuhr, das Lenkrad nach links gedreht hielt. Als er daraufhin ein bisschen nach links schaute, glaubte No fuer einen Augenblick, dass die Fahrgemeinschaft von einem riesigen weissen Lieferwagen verfolgt werde, wie in den Die drei ???-Buechern. Dann erkannte er, dass bloss der Kofferraumdeckel offenstand und bedrohlich hinter dem Heckfenster aufragte. Er ueberlegte, dass der Vater demselben Irrtum aufgesessen sein koennte wie er und sich gemeinsam mit seinem Lenkrad eine Taeuschungslist ausgedacht hatte. Der Vater sagte etwas. Es war nicht zu erkennen, an wen er sich mit seiner vielleicht muerrisch vorgetragenen Aussage wandte, niemand antwortete. No sagte dem Dolmetscher, dass der Vater wohl kein Mann des Wortes sei und in der heiklen Phase der Pubertaet seine derzeit noch lieblichen Jungs nach aufgedeckten Streichen oder (im Falle des Ohrringtraegers, dem vermutlich noch eine Art Schonfrist eingeraeumt wurde) ersten Schminkversuchen sicherlich einige Male durchpruegeln, danach dann aber auch wieder zu einem Bier einladen werde. Der Dolmetscher nickte verstaendig und bat, man moege sie beide nun aussteigen lassen.

No pflueckte in laendlicher Atmosphaere einige Mirabellen, auch fuer den Dolmetscher, der die Familie bezahlt hatte. Becicherul Mic war ein Hauptstrassendorf, das nur aus Strommasten zu bestehen schien. Alles war immer noch sowjetrechtwinklig, zwischen schaurigen Huetten und selbstbewussten Einfamilienhaeusern waren brache Flaechen und Huehner. Eine Gruppe Jugendlicher passierte Nos Nase und wehte eine Wolke Stadtparfuem in den Lehmstaub. Der Dolmetscher fand das Grundstueck, auf dem sein Grossvater gelebt hatte. Ein schnoeder halbfertiger Neubau stand jetzt dort, die Front zeigte nicht mehr als einen hellgruenen Anstrich und einen Pressspangiebel. Daneben wurde ein weiteres Gebaeude errichtet. Das Haus, das frueher das gesamte Anwesen bedeckt hatte, hatte der Grossvater in Brand gesteckt, danach hatte er versucht, sich zu erhaengen. No liess den Dolmetscher allein und ging hinter das Dorf, wo das begraste Nichts begann, geteilt in NICHTS1 und NICHTS2 von einem wildbachmaessig sich schlaengelnden Abwasserkanal.

No lehnte sich hockend an einen mittendrinstehenden Steintrog und liess seinen denkenden Kopf von sanftem unentschlossenem Wind umwabern. Jetzt etwas lesen, dachte No, denn er wollte noch heftiger nachdenken und herumsinnen. Wenn man in einer perfekt ruhigen Idylle ist und nachdenken will, muss man etwas lesen, um zwischendrin immer wieder den Blick zu heben, ihn ins Innere zu wenden und abzuschweifen. Liest man nicht und raucht nicht einmal, kommt unverhinderbar bald die dumme Was-soll-ich-hier-Frage und macht die gewollten Denkfruechte kaputt. KIESBUEFFEL, dachte No ohne einen Grund und Gaense kamen, eine Herde, kein Schwarm. Sie sagten:

Am Dorfeingang
am geschlossenen Kiosk
laeuft das Lollypop-Lied

Und morgen
kommt in die Stadt
man kann es lesen
Julio Iglesias

14.7.07 19:07, kommentieren

Die Zweiperson

In der ersten Woche, die No weg war, weit von der beigen Stadt, blieb No in der beigen Stadt.

No, der Verbliebene, hatte alles unternommen, damit No ruhig die beige Stadt verlassen konnte. No ging aus sich heraus und täuschte vor No zu sein, dass es nur einen No gibt. Er schmuggelte sich in das Literaturhaus ein, in der Zeitung las No von der Veranstaltung, und las, so laut er konnte, alle schauten auf: seinem Mund, die ungesunden lila Lippen, die schlecht gebügelten Rückseiten der Blätter, aus denen No vorlas, (sie waren wie auch die Vorderseiten: gelblich und leer), die zur Seite gestrichenen Strähnen der schwarzen Perücke, die nie nervösen Hände, die wie verschwörerisch über die Blätter hingen; nach dem letzten Zischlaut, dabei nieselte Nos Spucke auf den Köpfen der im Halbrund sitzenden Zuschauer herunter, dann : Applaus.

Noch auf der Bühne stehend klopfte No sich auf die eigenen Schulter.

Dann betrank No sich kontinuierlich und wartete. Immer mehr Menschen kamen, sie redeten, standen, tanzten, schon bald, so fühlte No sich, die meisten Zungen waren bierig, war er in aller Munde. Er fragte sich, an No denkend, weder abseitig noch zerstreut: Was mache ich eigentlich gerade?
Mit der ihm größten Nüchternheit zerschlug er den Spiegel und die 120 Jahre alten Biedermeierkachel im Literaturhaus. Auf dem Heimweg warf er sein Mobiltelefon ins Gebüsch und saugte an seinem blutenden Mittelfinger. Niemand konnte ihn nun finden.

1 Kommentar 19.7.07 00:05, kommentieren

Nos Hitze

Irgendwo hatte ich
was weiss ich
kann nicht sagen
hatte ich meinen Geldschein
mein Geldschein ist weg
glaube ich
kann nicht mehr zahlen
fuerchte ich
muss meinen Geldschein suchen
sollte ich
sonst einen neuen kaufen
koennen, wollte ich

die Sonne, sagte ich
brannte
ein Getraenk kaufen
kann ich nicht
WILL ICH NICHT, sagte ich schnell
moechte verdursten
mein Durst ist das Laecherlichste, naemlich
dachte ich, grundlos
denn es ist kalt
und ich habe mich auch gar nicht bewegt

und ging auf die Strasse und
ins groesste Cafe, der Kellner kam gleich
und praesentierte die Rechnung
DREIUNDZWANZIG LEITUNGSWASSER
stand da
das ist zuviel
sagte ich
ich kann gar nichts bezahlen
und habe auch keinen Durst

SO
sagte er sich
der Kellner beugte sich
ueber den Tisch
und griff in meine beiden Hosentaschen
ruderte darin herum
viele Geldscheine werd ich finden
dachte er sich
nichts wird er finden
freute ich mich

auftauchend
sagte der Kellner
in Ihrer Tasche befinden sich Muenzen
sehr viele Muenzen
dann gibt es jetzt
fuer Sie
ein Wasser

fuer mich?
NEIN! ICH MOECHTE EINEN GELDSCHEIN KAUFEN!
fluesterte ich

20.7.07 21:38, kommentieren

Das Knacken der zwiespältigen Brust


Der Morgen hatte sich verkrampft, Wiesen zogen in sich zusammen und die Straßenlaterne direkt vor dem Fenster leuchtete noch um 10 Uhr, als ersetze sie die Sonne.
Aufrecht hielt No sich die Stirn, er riss sich die schwarze Perücke vom Kopf und ging zum Friseur, und als er dort Selbstauskunft geben musste, schrieb No einen falschen Namen mit ungültiger Adresse und Telefonnummer auf, die Friseurin, karg, sprach vertraulich zu ihm. Hinterher war No unzufrieden, die Friseurin sagte, sie wolle in 14 Tagen anrufen und nach den Haaren fragen, No nickte.
In seinem einfarbigen Zimmer packte No schnell seine Sachen, er nahm: nichts mit, nur seine Brille, die sich gestrige Nacht unter einem schweren Frauenkörper verbog, dann noch Kontaktlinsen.

No verließ die beige Stadt und fuhr schwarz Richtung Spree.

Der Zug raste, und auf Grund seiner neuen Unauffälligkeit sprachen ihn die Kontrolleure nicht an, No schlief. Als er abends am Ostbahnhof ankam, aufwachte, fühlte er sich befreit, allein zu sein, in einer andersfarbigen Stadt und halbfremd, vorerst, No knackte mit seiner zwiespältigen Brust.
An einem Hochhaus am Rande von Berlin, kurz vor dem Wald, klingelte No, eine Frau machte auf, im dunklen Flur stehend, und er sagte zum ersten Mal zu einer Gestalt: Ich heisse No.
Sie sagte: Das klingt asiatisch. No fand, dass die Frau, so fremd sie ihm erschien, nicht Unrecht hatte, über den Klang seines Namens hatte No bisher keinen Gedanken verschwendet, No kam das alles so vor, als sprächen sie eine Sprache, obwohl er bis auf seinen Namen noch nichts sagte, jedenfalls, attestierte die Frau ihm ein stark ausgeprägtes Hörverständnis, denn sie, so sagte sie, spreche die ganze Zeit asiatisch. Asien ist groß, sagte No melodiös.

Die Frau, derweil, hatte ihn in die Küche eingeführt, sagte: Ich bin die Köchin, darauf brüllte sie: Essen! Kurz danach nochmals. Ein Mann, graudick, kam murmelnd herein, er sagte: Ich bin Sportreporter. China hat 0-3 verloren. Hier stinkt es.
Als liebe sie den Imperativ, sagte Köchin, den Sportreporter ignorierend, wiederholt: Essen! Also schlürften die Köchin, der Sportreporter und No die Fischsuppe, mit Minze, Frühlingszwiebel und Dill gewürzt, aus kleinen, geblümten Plastikschalen; sie schlürften: der Sportreporter, dem Essen nicht zugetan, einen mürrischen Ton ausstoßend, da die feuchte Hitze seine Brille beschlug, seine beinahe in dem aufgeblasenen Gesicht verschwundenen Lippen, ein Strich, auseinanderziehend, darein, in das dunkle Loch schob er den Löffel, und würgte die kleine Menge Flüssigkeit glucksend herunter; No, in der neuen Umgebung, jede übermäßige Schnelligkeit, die als Gier ausgeleuchtet werden könnte meidend, den Mund mal weit und rund öffnete, dann wieder spitz hervorschob, die Zunge niemals herausgestreckt, jedoch dem Hunger angemessen, also frequentiert, zügig, ohne lange dem Geschmack nachzugehen, den Löffel zum Mund führte; und die Köchin, mit gespitzten Lippen, zu zwei Schlitzen gekniffene Augen, Luft pustend, dann bedächtig saugend, die Temperatur oder auch den Geschmack der Suppe abschätzend, schließlich alle Anspannungen im Gesicht fallen ließ, die Augen samt Mund weitete und nickend sagte: Schmeckt! Dann sagte sie zu No: Das ist dein Lieblingsessen!

No blieb eine Karpfengräte im Hals hängen. No wird sie nicht mit einem Getränk hinunterspülen, und auch, obwohl dazu bereit, die beim Rülpsen gewiss entstehende und für seinen ungewiss langen Aufenthalt andauernde, ihm anhaftende Unhöflichkeit auf sich zu nehmen, das spürte er bereits, nicht herausrülpsen können, das durchbohrte Nos Kopf, dazu der Halbbefehl der Köchin, das Essen zu lieben, der No zwang Antwort zu geben.
No rettete sich unentschuldigt in den dunklen Flur, von da aus irrte er instinktiv ins Bad, während er seine linken Zeige- und Mittelfinger in den Rachen bohrte, betätigte er permanent die Klospülung, die wie ein Zug rauschte und seine Brechlaute überfuhr.
Wieder in der Küche, die Köchin und der Sportreporter schwiegen, dachte No demütig, dass Worte hier wohl wieder nichts bringen, und er, theatralisch, schluckte mit noch größerem Hunger die Fischsuppe, vorsichtig, dazu viel Reis, am Ende waren alle Töpfe leer und die Köchin schien zufrieden.

Ermattet, in seinem neuen Bett, das Zimmer war groß, bei geöffnetem Fenster Richtung Wald hörte er: den zirpenden Soundteppich der Grillen, hin und wieder das aufkeimende Grunzen der Wildschweine, und noch bei brennendem Licht, im Schwebezustand, wohl kurz vor dem Schlaf das: You are clearly pleasent present today.

21.7.07 00:08, kommentieren

Am Feuer

Das traurige Rinnsal des einst maechtigen Mures war nur noch als hier und da schwaechlich das Mondlicht spiegelnde Linie in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts zu erahnen. Mit dem Untergehen der Sonne hatte ein kuehler Windstrom eingesetzt, der flussaufwaerts durch das Tal zog. Bei kraeftigeren Boeen spruehte das Feuer Funken. Angespannt zog der Dolmetscher an seiner rumaenischen Zigarette. Er ueberlegte, ob er aufstehen sollte, um nach einem Stock zu suchen, mit dem er in der Glut herumstochern koennte. Aber es erschien ihm unhoeflich der jungen Frau gegenueber, die neben ihm auf einem unbequemen morschen Baumstumpf sass. Seit ueber einer Stunde hatte niemand ein Wort gesagt. Lediglich No, der soweit von der Feuerstelle entfernt hockte, dass der Dolmetscher sein Gesicht nur noch schemenhaft erkennen konnte, stiess in unregelmaessigen Abstaenden Wortfetzen, manchmal auch nur Laute hervor, deren Bedeutung jedoch nicht zu verstehen war. Das Buch, dessen Seiten er gerade blockweise umwarf, hatte er mindestens schon zweimal durchgesucht, der Dolmetscher erkannte es an dem strahlend weissen Einband. Als der Dolmetscher nach einer neuen Zigarette griff, warf No es erneut auf den Haufen zu den anderen. Die junge Frau rieb ihre Schultern. Das Feuer spendete nicht mehr soviel Waerme wie am Anfang, als man die Augen hatte zusammenkneifen muessen. Da der Dolmetscher selbst nur ein T-shirt am Leib trug, konnte er ihr lediglich eine Zigarette anbieten. Sie lehnte hoeflich ab, wie auch schon beim ersten Mal, nur ein wenig saeuerlicher.

Der Dolmetscher blickte zu No. No wuehlte hektisch in dem Buecherberg, auf dessen Gipfel er jetzt sass. Auf einmal machte er einen Laut, der einen ueberraschenden Fund auszudruecken schien. Er schlug ein neues Buch auf und kam damit naeher zum Feuer, um die Schrift besser erkennen zu koennen. Gleich darauf schlug er es knallend zu, stand auf und machte eine halbe Drehung in Richtung des Dunkels. Dann stiess er einen Schrei aus und warf er das Buch in das Feuer. Ein Funkenregen ergoss sich ueber die blossen Beine des Dolmetschers, der in der Windrichtung sass. Die junge Rumaenin kreischte kurz auf und sprang von ihrem Baumstumpf auf. Der Dolmetscher verzog das Gesicht und schuettete ohne nachzudenken den restlichen Inhalt seiner Bierdose ueber seine Beine.

No hatte nichts als ein vernuscheltes "ldingung" von sich gegeben und stand jetzt still mit dem Ruecken zum Feuer, den Mond anstarrend. Der Dolmetscher erhob sich und rieb ueber seine Schienbeine. Die junge Frau hatte sich wieder hingesetzt, den Kopf hatte sie zwischen die von den Knien gestuetzten Unterarme geklemmt. Ihr Anblick war bemitleidenswert. Der Dolmetscher fand, dass es jetzt genug war, die Hoeflichkeit und Interessiertheit der Rumaenin war genuegend missbraucht worden. Er raeusperte sich. No schien ihn nicht wahrzunehmen. "Aehm...", setzte er erneut an. In diesem Moment drehte No sich ruckartig um und schlug die rechte Hand gegen seine Stirn. Seine Augen waren weit aufgerissen und blickten durch den Dolmetscher hindurch. Dann rannte er davon ins Dunkel.

Der Dolmetscher ueberlegte, was er in die erneute Stille hinein sagen koenne. Dann sagte er auf Rumaenisch bloss: "Entschuldigung." Die junge Frau stand auf und ging zu dem Buecherhaufen. Mit dem Fuss beruehrte sie ein Buch und schob es so, dass sie den Titel lesen konnte. Ihr Interesse schien dieser jedoch nicht zu wecken. Nach einer Weile sagte sie: "Eu vreau sa plec acum acasa." Der Dolmetscher nickte, sie wollte nach Hause gehen. Er stieg in das Flussbett, um seine leere Bierdose mit Wasser zu fuellen und die Glut zu loeschen. Als er die Boeschung mit gefuellter Dose wieder hinaufstieg, hoerte er rennende Schritte vom Haus her. Nos Stimme folgte. "Rilke!" schrie sie aus dem Dunkeln. Der Dolmetscher und die Rumaenin blickten sich an. No erreichte die Feuerstelle. Eine einzelne Buchseite hielt er in der Hand, es schien, als habe er sie gerade herausgerissen. Er deutete, der Dolmetscher fuehlte sich an eine Naehmaschine erinnert, mehrere Male heftig auf die Buchseite und blickte dabei triumphierend in das Gesicht der jungen Frau. "Na endlich", dachte der Dolmetscher, "es war doch nur eine Floskel."

No und er hatten am Nachmittag vor der Pension in der Sonne gelegen. No war baeuchlings gelegen und hatte seinen Kopf unter einem Handtuch vergraben gehabt. Als er selbst gerade ueber einem Reisefuehrer eingenickt war, war die junge Frau, die sie beide nicht kannten, auf die Terrasse getreten. Sie hatte freundlich "Buna seara" gesagt und sich auf ihr Handtuch neben No gelegt. Dann hatte sie "Cum iti merge?" gesagt. "Wie gehts?" hatte der Dolmetscher uebersetzt. Langsam hatte sich No unter dem Handtuch hervorgewuehlt und seine vom Schweiss gerroeteten Augen mit der Hand abschirmend erst ihn angeschaut und dann die Rumaenin. Schliesslich, nach einer unangenehm langen Pause, hatte er gesagt: "Sag ihr, sie soll um 21 Uhr an den Fluss kommen", und war im Haus verschwunden.

No raeusperte sich. Mit dem Finger suchte er eine Stelle auf der Seite. "Und man hat ...", setzte er feierlich an. Er machte eine Kunstpause. "... niemand und nichts und faehrt in der Welt herum mit einem Koffer und mit einer Buecherkiste und eigentlich ohne Neugierde." No hob den Blick. In seinen mueden Augen spiegelten sich die letzten Reste der Glut. "Uebersetzen!" rief er matt. Er schien gluecklich.

22.7.07 11:27, kommentieren