Richard Dumas, "Céline invisible I, 2001"

Unter gross schwer schwarz haengendem Samtvorhang
ist Strand

No: "Muss ueber die Aufhaengung kuenstlerisch wertvoller Wandbilder und deren daraus folgende staendige Praesenz in Blick und Leben des Wohners, des Nos, und evtl.e positive Folgen nachdenken"

31.7.07 14:37, kommentieren

Váci Street

Dear No, PLEASE, try to avoid the strip clubs and night clubs around the VÁCI STREET area most of them just try to make LOADS OF MONEY of tourists/RIP THEM OFF and highly overinvoicing I can't help you if they try to force you to pay so PLEASE be careful**

29.7.07 22:25, kommentieren

Der Komiker

No ging ueber eine Strasse in Rumaenien
da sagten sie DU
bist so anders als sonst!

HALT, sagte da No. Das ist ja falsch. Ich mag vielleicht ein wenig braeunerer geworden sein, etwas schlanker womoeglich. Auch mag es durchaus zu einer gewissen Entspannung meinerseits beigetragen haben, dass ich, in einem hoechst auffaelligen Masse unauffaellig, wie ich doch schliesslich bin, nicht mehr an jeder Strassenecke fuerchten muss, erkannt zu werden. Manchmal, vor allem, wenn die Abenddaemmerung hereingebrochen ist, wage ich es sogar einmal, meine mir schon immer, gerade aber in dieser suedlaendischen Hitze verhasste Peruecke abzunehmen. Im Eigentlichen bin ich doch aber wohl der Gleiche geblieben. Beispielsweise vorhin. Da habe ich mir, eigentlich war alles hoechst angenehm, ich sass am Fluss, im Schatten, jemand angelte einen Fisch, schon wieder Gedanken ueber mich selbst gemacht. Ueber meine stets unvorteilhafte Koerperhaltung vor allem. Warum zum Beispiel sitze ich nur immer so gebeugt? Es ist, als machte ich staendig den auf Grund eines Schamgefuehls - man ueberprueft in der Oeffentlichkeit auch nicht die momentane Lage seines Geschlechtsteils - nur halb und muehsam vereitelten Versuch, mir selbst in den Bauch zu schauen, um dort, wo sonst?, die Ursache des jeweiligen Uebels, in dem ich mich jeweils gerade befinde, mit Blicken suchend aufzuspueren und, durch starrende Hypnose vielleicht, endlich, oder vorlaeufig wenigstens, zu beseitigen. Seht ihr? Es ist wie frueher. Immerzu muss ich nachdenken. Und alles entwerten. Ich laufe durch die Strassen, gehe in die Cafes oder ueber belebte Plaetze und schaue mir die Menschen an, rede auch mit ihnen. Und denke mir fast immer: NICHT interessant, NICHT interessant. Und treffe ich dann, vereinzelt, ganz vereinzelt, doch mal auf ein paar interessante Gestalten: schon will ich sie wieder erledigen, entzaubern, durchdringen, um mich schnellstmoeglich wieder in meinen gemuetlichen Sarg kuscheln zu koennen, wieder einmal wohlig-grimmig ueberzeugt, dass es in der Welt nichts zu sehen gibt.

Mittlerweile hatten viele Menschen sich um den klagenden No versammelt. Niemand konnte etwas verstehen, denn alle waren Rumaenen. Ploetzlich, als No wieder ansetzen wollte zu einer weiteren Jammerei, erklang von ganz hinten her, No konnte nicht erkennen, wer sprach, es musste offenbar ein sehr kleiner Mensch sein, ein helles Stimmchen, vielleicht von einem Kind. Obwohl die Stimme so zart war, konnte No sie sehr gut verstehen, und die anderen Menschen offenbar auch, denn augenblicklich wurde es voellig still. SCHREIB EIN GEDICHT! No blinzelte verwirrt mit den Augen. Da aber niemand sich auch nur fluechtig nach der Stimme umgewandt hatte und noch immer alle Augen auf ihn gerichtet waren, womoeglich hatte das Kind fuer die ganze Menge gesprochen, beschloss er, der Aufforderung Folge zu leisten. Ungeschickt zog er seinen Notizblock hervor, hauchte unnoetigerweise seinen Bleistift an und schrieb dann, er war verwundert, wie muehelos ihm die Zeilen aus der Hand zu fliessen schienen:

Bald kaufe ich hier ein
da koennt ihr was erleben dann
wie ich euch eure Plastiktueten wegkaufe
und eure Huete
auf den Boden wehen
ihr koennt euch gut waschen danach
und euch mit Feuchtigkeitslotion eincremen
weil ich naemlich ein trockener Sommersturm
sein werde, mit Sand

Mit leicht zitternder Stimme las No der Menge sein Gedicht vor. Als er aufschaute in die Gesichter der Menschen, sah er, dass niemand eine Miene verzogen hatte. Unsinnigerweise, wie er sich jetzt eingestehen musste, hatte er sich, obwohl ja niemand ihn verstehen konnte, doch einen Applaus erhofft. Ein paar vereinzelte Lacher vielleicht. Sind die Zeilenspruenge klar gewesen?, fragte er, die sind naemlich recht wichtig. Also nicht unbedingt fuer den Inhalt, aber- Da hoerte er wieder das Stimmchen, noch immer konnte er nicht erkennen, woher es kam. ZU FROEHLICH, sagte das Kind, FLACH. DU SCHEINST KEIN INTERESSANTER CHARAKTER ZU SEIN. IST DAS DEINE GANZE TRAURIGKEIT? TIEFER BIST DU BEI DEINEM VIELEN NACHDENKEN NICHT GEDRUNGEN?
Ja, naja, murmelte No kaum verstaendlich. Flach... hm. MACH NOCH EINS!, sagte die Stimme. Gut, sagte No, Moment. Er konzentrierte sich. Gut, sagte er dann nach einer laengeren Pause. DU KANNST UNS NICHT TAEUSCHEN, hoerte er die Stimme sagen, DU HAST DEINEN STIFT GAR NICHT BENUTZT! Jaja, im Kopf hab ich's, sagte No stolz, er konnte nicht sagen warum, aber er hatte das Beduerfnis gehabt, abgesehen vom Gehalt des Gedichts eine besondere sportliche Leistung zu erbringen. Soll ich's vortragen? Da er keine Antwort hoerte, fuegte er noch hinzu: Es ist sehr komplex, es hat einen Doppelsinn. Und es heisst ZUSEHER. Also nicht ZUSEHR, sondern ZUSEHER. Also, ich sage es jetzt.

Zuseher

Bestenfalls
sehe ich fuer manche, die mich sehen
wie ein Todeskandidat aus, manche
sagen Melancholiker, auch noch gut, die meisten aber
denke ich-
ich fuerchte Zuseher

No hatte beim Vortragen die Augen geschlossen. Als er sie oeffnete, er hatte sehr pathetisch gesprochen, waren alle immer noch da. Er blickte wieder um sich. Wieder das gleiche, niemand zeigte eine Regung. SO? ARE YOU FEELING BETTER?, hoerte er auf einmal jemand sagen. Es war ein aelterer Herr, eine grosse hagere Gestalt mit strichfein gezogenen Augenbrauen und einer Brille auf der Nase. Er blickte No aeusserst konzentriert und durchdringend an, als sei dies eine ueber die Massen komplexe Frage, auf die nur eine hoechst interessante, erstaunliche Antwort folgen koenne. No war verwirrt. Er ueberlegte. Da er selten Englisch sprach und, wenn er es doch tat, seine Zunge stets sehr schwer zu werden pflegte, musste er die Antwort kurz halten. Er sagte: No. Da brach die Menge in ein fuerchterliches, kreischendes Gelaechter aus und No sagte: Das ist doch nun wirklich albern, mein Name, haha, wirklich, es ist alles eine einzige Kinderei - ueberhaupt, dieser ganze Auflauf hier! Wenn so, auf diese hoechst einfaeltige Weise, ein Lacherfolg erzielt werden kann in diesem Land, so moechte ich doch gerne Komiker sein hier, ein reicher Mann koennte ich werden, will ich meinen. Und kaum hatte er das ausgesprochen, nahm man ihn, noch immer laermend, auf die Schultern und trug ihn fort.

27.7.07 23:08, kommentieren

Die Projektion

Am Eingang des Krankenhauses: die Köchin, gleich nach dem Frühstück, sagte, hatte sie sich zusammennehmen müssen, sie sagte, hätte sie allein gegessen, ohne No, ohne No, das sagte sie nicht offen heraus, allein sagte sie, hätte sie ihre Magen- und Rachenmuskeln nicht zusammengehalten und hätte das soeben von ihr zubereitete Essen (Glasnudeln mit Hähnchenherzen), wieder herausgebrochen. No versuchte die Situation sich zurückzurufen, er blinzelte mehrmals erinnerungssuchend und war in der Bewegung zumindest froh, dass die Sonne stark schien.

Im Wartezimmer war Durchzug, die Tür, wohl schon lange vor dem Eintreten, sowie das Fenster, in einer Linie, waren weit geöffnet, das alles bemerkte die Köchin, noch bevor sie sich hinsetzte und erzählte No von den giftigen Winden in ihrer Heimat, die tödlich sein konnten, sie sagte No, dass er die Tür schließen solle, und No, stellte sich einen asiatischen Mann, genial fahrig, vor, der beim Verlassen des Hauses, schon im Treppenhaus, als er die Geschwindigkeit, die er zur Haltestelle, 75m Weg, wenn er den Bus, der niemals pünktlich kommt, erreichen will, erreichen müsste, errechnen will, dann auf sein bloßes linkes Handgelenk blickt, umkehrend, den ungenauen Zeitverlust überschlagend, beim Öffnen der Tür, sie geöffnet lassend, seinen Kopf durchgehend, beim Eintreten sek.bruchteile innehaltend, sich erinnernd: Auf dem Fenstersims: (und die verlängerte Strecke, die verkürzte Zeit,) die Uhr; und als er nähertritt, sie aufnimmt, aus dem Augenwinkel, durch die Fensterscheibe runter, auf der Straße einen alten Kommilitonen, verschwommen erahnt, das Fenster aufreisst, wirklich ihn erkennt, seinen Namen rufend, danach tot umfällt.
No schloss die Tür, und setzte sich, von seinen lyrischen Gedanken rhythmisiert, schweigend zu der Köchin und wartete.

Im Zimmer 4, schnell zog die Köchin die Tür hinter sich, saß der Orthopäde, rund, das Licht strahlte seinen Rücken an. Der Orthopäde sagte, er freue sich, dass No mitgekommen sei. Er sagte: Sie. Die Köchin holte aus ihrer Tasche die Röntgenaufnahmen heraus, der Orthopäde, begutachtete sie. Er sagte: Der Hals ist zu gerade, der 5. und 6. Wirbel ist abgenutzt. No übersetzte, sagte zu der Köchin: Steif und morsch. Sie wurde, schon seit dem Aufenthalt in dem Zimmer, verstärkt blass. Ihr Gesicht wurde pixelig und kontrastarm, um ihre Mundwinkel: getrockneter weisser Schaum.
Der Arzt sagte, zu No blickend: Mit den zusammenhängenden Nerven kann Schwindel, verstärkt Migräne und Übelkeit auftreten. No sagte zu der Köchin: Kotzen, sie sank tiefer in ihren Stuhl und nickte. Sie bat No dem Orthopäden von dem Vorfall am Frühstückstisch zu erzählen, von ihrer Übelkeit, dann dem Schwindel, dem sich stauenden Druck in den Ohren, Augen und der Nase, der sich geräuschvoll entlud. No fragte: Wie. Die Köchin, in ihrer Sprache, fand keine Worte. No abstrahierte, er setzte an, überlegte, die Köchin, meine Klientin, dann sie, zu sagen, er suchte eine Bezeichnung, ihm war es unangenehm in ihrer Anwesenheit, von ihr abwesend in der dritten Person zu reden. Er sagte also, auf sein Gesicht zeigend, das alles auf, was die Köchin ihm anvertraute, der Orthopäde fragte: Wie. Und No, noch suchend, im Zwang, sagte: Wie Bomben explodieren die Augen, Ohren und Nase. Der Orthopäde schien ungläubig, schaute No an, No fasste sich nochmals zusammen, verbesserte sich dann aber, er sagte implodieren, er sagte wie Seifenblasen platzen, er sagte knistern, dann zum Orthopäden, Sie Orthopäde, sagte No, verstehen mich doch nicht. Dochdoch, sagte der Orthopäde und fuhr mit seinem Schreibtischstuhl näher heran. Er griff an Nos Hals und fing an daran zu massieren, er sagte, dass alle Krankheiten am Hals lägen, dass man ihm nun eine Halsmassage verpassen werde, jetzt, mit den verschwitzten Händen, dann später Krankengymnastik, und dann Akupressur, wenn das alles ein wenig gebracht hat: Akupunktur. No, im Würgegriff ahnte, wohin die Sprache ihn gebracht hat, er zeigte auf die Köchin und schrie: Sie. No rannte aus dem Zimmer.

In dem Aufzug: Stille. In der achten Etage stiegen drei kleine Kinder, Jungen, lärmend, und eine dazugehörige Frau ein. Die Jungen probierten in verschiedener Läutstärke Flüche, vornehmlich Exkremente, aus, rezitativisch, kanonisch und mit größter Freude. Die Frau, hilflos, warf unterbrechende Sologegenparts ein. Als das Klingeln des Aufzugs die Ankunft im Erdgeschoss ankündigte, rannten die Kinder fluchend heraus, die Frau hinterher, und No, die Augen öffnend: allein, sich umblickend, war, als träumte er kurz tags .


24.7.07 20:50, kommentieren

Vierzehntes Kapitel: Das Fruehstueck

Am Abend fragte N. seinen Begleiter, ob der Wirt am Morgen zu einer bestimmten, vielleicht fruehen Uhrzeit das Fruehstueck bereiten werde. "Nein", sagte der Begleiter, der auf Grund seiner Sprachkenntnisse alleinigen Kontakt mit dem Wirt hatte, "er richtet sich ganz nach uns und, wann wir aufstehen." N. war erleichtert, stellte aber dennoch seinen Wecker auf zehn Uhr, eine komfortable, aber doch vernuenftige Uhrzeit, ein. Um seinem Begleiter, der sich bereits in sein Bett gelegt hatte und im Allgemeinen ein weitaus erwachsenerer und ueberdies tatendurstigerer Mensch war als N., seinen klugen Entschluss zu demonstrieren, man befand sich immerhin auf einer Reise, sagte N., nachdem er das Licht geloescht hatte: "Ich habe dennoch einmal den Wecker auf zehn Uhr eingestellt." "Ja", sagte der Begleiter, "gut. Ich habe den meinen auf acht Uhr eingestellt. Gute Nacht." "Gute Nacht", sagte N. und schlief, nachdem er nur kurz noch wachgelegen hatte, bald ein.

Am naechsten Morgen erwachte N. von lauter landestypischer Folkloremusik, die aus einem Lautsprecher drang, den man, um den Schotterplatz zwischen N.s Herberge und der Pension auf der gegenueberliegenden Seite zu beschallen und so womoeglich die ankommenden Reisenden in der Wahl ihres Schlafplatzes guenstig zu beeinflussen, auf der Bruestung des Balkons, der zu dem Zimmer, in dem N. und sein Begleiter schliefen, gehoerte, angebracht hatte. Zunaechst, im Halbschlaf noch, aergerte N. sich ueber die fruehe Stoerung. Nach einiger Zeit jedoch, ein neues, noch ein wenig muntereres Lied, es wurde von einer rauhen Frauenstimme gesungen, setzte ein, fand er allmaehlich Gefallen an den fremdlaendischen Klaengen und dachte: "Ein sicherlich gewoehungsbeduerftiger, aber doch reizvoller Einstieg in den Tag." Da ihm lediglich die uebermaessige Lautstaerke missfiel, ueberwand er sich, kurz aus dem Bett zu steigen und die Tuer zum Balkon zu schliessen, um danach bei gedaempfter Musik noch ein wenig doesen zu koennen.

N. war beinahe wieder eingeschlafen, als die Tuer sich oeffnete. Es war N.s Begleiter, der schonend, aber doch bestimmt N. zu wecken suchte. "N.?" sagte er, daraufhin lauter: "N.? Der Wirt hat das Fruehstueck bereitet. Es sind Spiegeleier, man sollte sie nicht auskuehlen lassen." N., der zunaechst versucht war, sich schlafend zu stellen, erkannte die Unangebrachtheit eines solchen Versuches und drehte sich, um die Tatsache, dass er wirklich gerade erst erwacht war, was im Grunde ja zutraf und durch sein kurzes Aufstehen, um die Balkontuer zu schliessen, schliesslich keinesfalls in Frage gestellt wurde, zusaetzlich zu verdeutlichen, sehr langsam auf den Ruecken und oeffnete wie muehsam die Augen. Sich ein wenig aufsetzend, sagte er: "Guten Morgen. Es gibt Fruehstueck? Ich stehe gleich auf. Eine schoene Musik im uebrigen, zu der das Fruehstueck serviert wird." "Ja", sagte N.s Begleiter, "aber beeile dich. Ich gehe schon mal vor." Gerade, als er sich von seinem Bett, auf das er sich, bevor er N. geweckt hatte, gesetzt hatte, erhob, rief von unten der Wirt etwas herauf, das, auch wenn N. der Landessprache nicht maechtig war, nur eine erneute Erinnerung an das zubereitete Fruehstueck bedeuten konnte. N.s Begleiter beeilte sich, etwas zur Antwort zu geben, und ging schnellen Schrittes in Richtung der Tuer. "Kommst du?" sagte er dann noch einmal, sich umwendend, zu N. "Ja", antwortete N., "ich komme." Als sein Begleiter die Tuer hinter sich geschlossen hatte, er hatte sie nicht ganz geschlossen, sondern nur angelehnt, vielleicht, um N. an die Notwendigkeit, das Bett und das Zimmer zu verlassen, zu erinnern, griff N., ein Gaehnen unterdrueckend, nach seinem Wecker. Er zeigte vier Minuten vor zehn Uhr an. N. warf die Bettdecke zur Seite und begann, sich anzukleiden.

24.7.07 16:21, kommentieren

Am Feuer

Das traurige Rinnsal des einst maechtigen Mures war nur noch als hier und da schwaechlich das Mondlicht spiegelnde Linie in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts zu erahnen. Mit dem Untergehen der Sonne hatte ein kuehler Windstrom eingesetzt, der flussaufwaerts durch das Tal zog. Bei kraeftigeren Boeen spruehte das Feuer Funken. Angespannt zog der Dolmetscher an seiner rumaenischen Zigarette. Er ueberlegte, ob er aufstehen sollte, um nach einem Stock zu suchen, mit dem er in der Glut herumstochern koennte. Aber es erschien ihm unhoeflich der jungen Frau gegenueber, die neben ihm auf einem unbequemen morschen Baumstumpf sass. Seit ueber einer Stunde hatte niemand ein Wort gesagt. Lediglich No, der soweit von der Feuerstelle entfernt hockte, dass der Dolmetscher sein Gesicht nur noch schemenhaft erkennen konnte, stiess in unregelmaessigen Abstaenden Wortfetzen, manchmal auch nur Laute hervor, deren Bedeutung jedoch nicht zu verstehen war. Das Buch, dessen Seiten er gerade blockweise umwarf, hatte er mindestens schon zweimal durchgesucht, der Dolmetscher erkannte es an dem strahlend weissen Einband. Als der Dolmetscher nach einer neuen Zigarette griff, warf No es erneut auf den Haufen zu den anderen. Die junge Frau rieb ihre Schultern. Das Feuer spendete nicht mehr soviel Waerme wie am Anfang, als man die Augen hatte zusammenkneifen muessen. Da der Dolmetscher selbst nur ein T-shirt am Leib trug, konnte er ihr lediglich eine Zigarette anbieten. Sie lehnte hoeflich ab, wie auch schon beim ersten Mal, nur ein wenig saeuerlicher.

Der Dolmetscher blickte zu No. No wuehlte hektisch in dem Buecherberg, auf dessen Gipfel er jetzt sass. Auf einmal machte er einen Laut, der einen ueberraschenden Fund auszudruecken schien. Er schlug ein neues Buch auf und kam damit naeher zum Feuer, um die Schrift besser erkennen zu koennen. Gleich darauf schlug er es knallend zu, stand auf und machte eine halbe Drehung in Richtung des Dunkels. Dann stiess er einen Schrei aus und warf er das Buch in das Feuer. Ein Funkenregen ergoss sich ueber die blossen Beine des Dolmetschers, der in der Windrichtung sass. Die junge Rumaenin kreischte kurz auf und sprang von ihrem Baumstumpf auf. Der Dolmetscher verzog das Gesicht und schuettete ohne nachzudenken den restlichen Inhalt seiner Bierdose ueber seine Beine.

No hatte nichts als ein vernuscheltes "ldingung" von sich gegeben und stand jetzt still mit dem Ruecken zum Feuer, den Mond anstarrend. Der Dolmetscher erhob sich und rieb ueber seine Schienbeine. Die junge Frau hatte sich wieder hingesetzt, den Kopf hatte sie zwischen die von den Knien gestuetzten Unterarme geklemmt. Ihr Anblick war bemitleidenswert. Der Dolmetscher fand, dass es jetzt genug war, die Hoeflichkeit und Interessiertheit der Rumaenin war genuegend missbraucht worden. Er raeusperte sich. No schien ihn nicht wahrzunehmen. "Aehm...", setzte er erneut an. In diesem Moment drehte No sich ruckartig um und schlug die rechte Hand gegen seine Stirn. Seine Augen waren weit aufgerissen und blickten durch den Dolmetscher hindurch. Dann rannte er davon ins Dunkel.

Der Dolmetscher ueberlegte, was er in die erneute Stille hinein sagen koenne. Dann sagte er auf Rumaenisch bloss: "Entschuldigung." Die junge Frau stand auf und ging zu dem Buecherhaufen. Mit dem Fuss beruehrte sie ein Buch und schob es so, dass sie den Titel lesen konnte. Ihr Interesse schien dieser jedoch nicht zu wecken. Nach einer Weile sagte sie: "Eu vreau sa plec acum acasa." Der Dolmetscher nickte, sie wollte nach Hause gehen. Er stieg in das Flussbett, um seine leere Bierdose mit Wasser zu fuellen und die Glut zu loeschen. Als er die Boeschung mit gefuellter Dose wieder hinaufstieg, hoerte er rennende Schritte vom Haus her. Nos Stimme folgte. "Rilke!" schrie sie aus dem Dunkeln. Der Dolmetscher und die Rumaenin blickten sich an. No erreichte die Feuerstelle. Eine einzelne Buchseite hielt er in der Hand, es schien, als habe er sie gerade herausgerissen. Er deutete, der Dolmetscher fuehlte sich an eine Naehmaschine erinnert, mehrere Male heftig auf die Buchseite und blickte dabei triumphierend in das Gesicht der jungen Frau. "Na endlich", dachte der Dolmetscher, "es war doch nur eine Floskel."

No und er hatten am Nachmittag vor der Pension in der Sonne gelegen. No war baeuchlings gelegen und hatte seinen Kopf unter einem Handtuch vergraben gehabt. Als er selbst gerade ueber einem Reisefuehrer eingenickt war, war die junge Frau, die sie beide nicht kannten, auf die Terrasse getreten. Sie hatte freundlich "Buna seara" gesagt und sich auf ihr Handtuch neben No gelegt. Dann hatte sie "Cum iti merge?" gesagt. "Wie gehts?" hatte der Dolmetscher uebersetzt. Langsam hatte sich No unter dem Handtuch hervorgewuehlt und seine vom Schweiss gerroeteten Augen mit der Hand abschirmend erst ihn angeschaut und dann die Rumaenin. Schliesslich, nach einer unangenehm langen Pause, hatte er gesagt: "Sag ihr, sie soll um 21 Uhr an den Fluss kommen", und war im Haus verschwunden.

No raeusperte sich. Mit dem Finger suchte er eine Stelle auf der Seite. "Und man hat ...", setzte er feierlich an. Er machte eine Kunstpause. "... niemand und nichts und faehrt in der Welt herum mit einem Koffer und mit einer Buecherkiste und eigentlich ohne Neugierde." No hob den Blick. In seinen mueden Augen spiegelten sich die letzten Reste der Glut. "Uebersetzen!" rief er matt. Er schien gluecklich.

22.7.07 11:27, kommentieren

Das Knacken der zwiespältigen Brust


Der Morgen hatte sich verkrampft, Wiesen zogen in sich zusammen und die Straßenlaterne direkt vor dem Fenster leuchtete noch um 10 Uhr, als ersetze sie die Sonne.
Aufrecht hielt No sich die Stirn, er riss sich die schwarze Perücke vom Kopf und ging zum Friseur, und als er dort Selbstauskunft geben musste, schrieb No einen falschen Namen mit ungültiger Adresse und Telefonnummer auf, die Friseurin, karg, sprach vertraulich zu ihm. Hinterher war No unzufrieden, die Friseurin sagte, sie wolle in 14 Tagen anrufen und nach den Haaren fragen, No nickte.
In seinem einfarbigen Zimmer packte No schnell seine Sachen, er nahm: nichts mit, nur seine Brille, die sich gestrige Nacht unter einem schweren Frauenkörper verbog, dann noch Kontaktlinsen.

No verließ die beige Stadt und fuhr schwarz Richtung Spree.

Der Zug raste, und auf Grund seiner neuen Unauffälligkeit sprachen ihn die Kontrolleure nicht an, No schlief. Als er abends am Ostbahnhof ankam, aufwachte, fühlte er sich befreit, allein zu sein, in einer andersfarbigen Stadt und halbfremd, vorerst, No knackte mit seiner zwiespältigen Brust.
An einem Hochhaus am Rande von Berlin, kurz vor dem Wald, klingelte No, eine Frau machte auf, im dunklen Flur stehend, und er sagte zum ersten Mal zu einer Gestalt: Ich heisse No.
Sie sagte: Das klingt asiatisch. No fand, dass die Frau, so fremd sie ihm erschien, nicht Unrecht hatte, über den Klang seines Namens hatte No bisher keinen Gedanken verschwendet, No kam das alles so vor, als sprächen sie eine Sprache, obwohl er bis auf seinen Namen noch nichts sagte, jedenfalls, attestierte die Frau ihm ein stark ausgeprägtes Hörverständnis, denn sie, so sagte sie, spreche die ganze Zeit asiatisch. Asien ist groß, sagte No melodiös.

Die Frau, derweil, hatte ihn in die Küche eingeführt, sagte: Ich bin die Köchin, darauf brüllte sie: Essen! Kurz danach nochmals. Ein Mann, graudick, kam murmelnd herein, er sagte: Ich bin Sportreporter. China hat 0-3 verloren. Hier stinkt es.
Als liebe sie den Imperativ, sagte Köchin, den Sportreporter ignorierend, wiederholt: Essen! Also schlürften die Köchin, der Sportreporter und No die Fischsuppe, mit Minze, Frühlingszwiebel und Dill gewürzt, aus kleinen, geblümten Plastikschalen; sie schlürften: der Sportreporter, dem Essen nicht zugetan, einen mürrischen Ton ausstoßend, da die feuchte Hitze seine Brille beschlug, seine beinahe in dem aufgeblasenen Gesicht verschwundenen Lippen, ein Strich, auseinanderziehend, darein, in das dunkle Loch schob er den Löffel, und würgte die kleine Menge Flüssigkeit glucksend herunter; No, in der neuen Umgebung, jede übermäßige Schnelligkeit, die als Gier ausgeleuchtet werden könnte meidend, den Mund mal weit und rund öffnete, dann wieder spitz hervorschob, die Zunge niemals herausgestreckt, jedoch dem Hunger angemessen, also frequentiert, zügig, ohne lange dem Geschmack nachzugehen, den Löffel zum Mund führte; und die Köchin, mit gespitzten Lippen, zu zwei Schlitzen gekniffene Augen, Luft pustend, dann bedächtig saugend, die Temperatur oder auch den Geschmack der Suppe abschätzend, schließlich alle Anspannungen im Gesicht fallen ließ, die Augen samt Mund weitete und nickend sagte: Schmeckt! Dann sagte sie zu No: Das ist dein Lieblingsessen!

No blieb eine Karpfengräte im Hals hängen. No wird sie nicht mit einem Getränk hinunterspülen, und auch, obwohl dazu bereit, die beim Rülpsen gewiss entstehende und für seinen ungewiss langen Aufenthalt andauernde, ihm anhaftende Unhöflichkeit auf sich zu nehmen, das spürte er bereits, nicht herausrülpsen können, das durchbohrte Nos Kopf, dazu der Halbbefehl der Köchin, das Essen zu lieben, der No zwang Antwort zu geben.
No rettete sich unentschuldigt in den dunklen Flur, von da aus irrte er instinktiv ins Bad, während er seine linken Zeige- und Mittelfinger in den Rachen bohrte, betätigte er permanent die Klospülung, die wie ein Zug rauschte und seine Brechlaute überfuhr.
Wieder in der Küche, die Köchin und der Sportreporter schwiegen, dachte No demütig, dass Worte hier wohl wieder nichts bringen, und er, theatralisch, schluckte mit noch größerem Hunger die Fischsuppe, vorsichtig, dazu viel Reis, am Ende waren alle Töpfe leer und die Köchin schien zufrieden.

Ermattet, in seinem neuen Bett, das Zimmer war groß, bei geöffnetem Fenster Richtung Wald hörte er: den zirpenden Soundteppich der Grillen, hin und wieder das aufkeimende Grunzen der Wildschweine, und noch bei brennendem Licht, im Schwebezustand, wohl kurz vor dem Schlaf das: You are clearly pleasent present today.

21.7.07 00:08, kommentieren